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Cover von Queensryche -- Operation Mindcrime II
Band: Queensryche Homepage  Metalnews nach 'Queensryche' durchsuchenQueensryche
Album:Operation Mindcrime II
Genre:Prog-Metal
Label:Rhino Records
Bewertung:6 von 7
Releasedatum:04.04.06
CD kaufen:'Queensryche - Operation Mindcrime II' bei amazon.de kaufen
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"Nikki killt wieder"

Die Angstplatte. Vor zwei Jahren noch hätte sich niemand in der Metal-Welt ein Bein ausgerissen, um zu erfahren, wie ein weiterer QUEENSRYCHE- Output klingen würde. Drei Alben lang hatte man es sich so gehörig mit den alten Anhängern verscherzt, dass ein Großteil der Fachpresse eigentlich nur noch auf die Meldung von der Auflösung des ehemaligen Seattler Heavy/Prog – Metal Flagschiffs wartete. In genau diesem Geist nahm man im vergangenen Jahr die sensationelle Nachricht auf, dass QUEENSRYCHE in der jetzigen Form (huch) die Geschichte des Terror-Junkies Nikki, seiner Freundin Mary und des perversen Doctor X weiterspinnen und das neue Album vermessener Weise auf den Namen „Operation Mindcrime II“ (doppelhuch) taufen wollten. „Unverschämtheit“, „Blasphemie“, „Geldmacherei“ schrie die besorgte Szenepolizei unisono auf. Schließlich stand der gute Name des viertbesten Heavy Metal-Albums aller Zeiten, eines allgemeinen (Sub-) Kulturgutes also, auf dem Spiel.

Wie konnten QUEENSRYCHE es daher wagen, nur der Kohle wegen einen zweiten Teil dieses Titanen in die CD-Regale zu stellen? Dieser Entrüstung entsprechend schimpften viele Kollegen der schreibenden Zunft unbeschwert darauf los, als es um die Besprechung des neuen Werks ging (freilich nachdem man zuvor monatelang die Auflagen durch Vorberichte zu steigern versucht hatte), das von Beginn an keine Chance gegen Teil I hatte. „Scheiß Sound, Reißbrettentwurf, keine Hooklines, Chris de Garmo fehlt“, so die gängigen Eckpunkte der Kritikerschelte

Mal sehen: CD rein, „play“ gedrückt, Augen geschlossen und den Atem angehalten. Die Gefängnistüren von St Quentin öffnen sich nach 18 Jahren für den Attentäter Nikki („Freiheit Ouverture“/“Convict“). Dann taucht er ins Leben ein, voller Tatendrang, resultierend aus einer jahrelang genährten, rasenden Wut, die im Song „I’m American“ umgesetzt wird. Der ist für QUEENSRYCHE-Verhältnisse schon beinahe thrashig. Mit Abstand die aggressivste und härteste Nummer, die jemals von den Seattlern geschrieben wurde. Im Zwischenpart hört man sich an wie alte ANTHRAX. Geoff Tate macht unglaubliche Dinge mit seiner unglaublichen Stimme und zum Abschluss gibt’s ein heftiges Gitarrenduell - geiles Teil!

„One Foot In Hell“ gewährt Einblick in Nikkis kaputtes Gedankenpuzzle um Sister Mary und die Rache an Dr. X. - extrem verstörend und musikalisch sperrig. Vor allem, weil es wie „Jet City Woman“ beginnt und dann etwas zu uninspiriert auf einen völlig anderen Stil wechselt - merkwürdige Nummer. In „Hostage“, einem getragenen und sehr atmosphärischen Lied, muss sich Nikki vor dem Bewährungsausschuss verantworten. Er sieht ein, dass er vorgeblich die Maske des Geläuterten tragen muss, um seine Rachepläne zu verwirklichen. Am Anfang von „The Hands“ steht der Akustik-Part von „Breaking The Silence“ aus Teil I und signalisiert, dass Sister Mary nun langsam zurück ins Spiel bzw. Nikkis Kopf kehrt. Der Track ist ein feiner Midtempo-Rocker mit tollen Gesangslinien – sehr gut. „Speed Of Light“ fällt durch locker-flockigen „Alternative Rock meets LED ZEPPELIN“-Grundaufbau auf, der die Selbstreflexion des Protagonisten untermalt, aber nicht ganz überzeugen kann. Nikkis halbes Leben ist vorbei. Sollte er nicht einfach den Rest in vollen Zügen genießen, anstatt erneut zum Mordinstrument zu werden? Plötzlich düstere Streicher im Hintergrund: Marys Stimme bringt Nikki wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Danach folgen die wütenden „Signs Say Go“ und „Re-Arrange You“. Die Message: Der Doc muss sterben und zwar auf schlimme Art.

Letzterer kommt in „The Chase“ zu Wort, das den absoluten Höhepunkt des Albums darstellt. Niemand Geringerer als RONNIE JAMES DIO darf den Meister des Bösen mimen. Das Duett Tate/Dio gehört zum Besten, was ich überhaupt je gehört habe. Der Song erzeugt mit seinem tollen Spannungsbogen Gänsehaut pur und hat Klassiker-Niveau– na endlich. „Murderer?“ wird von Industrial-Elementen geprägt, die klar machen, dass Nikki wieder zurück in die Rolle der Tötungsmaschine gefunden hat. Aber diesmal richtet sie sich gegen Dr. X selbst. Die hektische Strophe wird in einer wunderschönen Hookline aufgelöst - ist es um den Doc jetzt wohl endgültig geschehen? „Circles“ ist ein Zwischenspiel, das zur orchestral arrangierten und von Pamela Moore und Geoff Tate großartig performten Ballade „If I Could Change It All“ überleitet. Danach geht’s wieder zur Sache. Im harten und eingängigen „An Internal Confrontation“ wird klar, dass Nikki mit Marys Hilfe langsam aber sicher in Richtung Suizid pendelt. Aber ich bin kein Spielverderber und verrate das Ende nicht. „A Junkie’s Blues und „“Fear City Slide“ sind ebenfalls zwei gutklassige und dynamische Nummern. Das abschließende, ruhig-getragene „All The Promises“ wirkt auf mich allerdings (noch) etwas planlos.

Fazit: „Operation Mindcrime II“ ist völlig anders als der erste Teil – nicht weil QUEENSRYCHE das Songwriting verlernt hätten, sondern weil die Geschichte eine andere, viel psychedelischere und weniger actionreiche ist, die eben nicht permanent mit hymnischen Trallala-Melodien zugekleistert werden kann. Dennoch ist die Band wieder im Metal-Sektor angekommen, wo sie sich immer noch am besten auskennt. Der Anteil der harten Tracks, der Leads, Breaks und ausgeklügelten Songstrukturen ist deutlich höher als auf den letzten drei Scheiben. Der Sound ist im Gitarrenbereich trockener und weniger druckvoll als 1988, der Rest der Produktion geht aber in Ordnung. Hooklines gibt es in „The Hands“, „The Chase“, „Murderer?“, „If I Could Change It All“ oder “A Junkie’s Blues” in Serie. Und Chris de Garmos Fehlen juckt mich gar nicht, wenn ich an das grässliche „Hear In The Now Frontier“ (1997) denke, das hauptsächlich auf seinem Mist gewachsen war. Zum Thema Reißbrett kann ich nur Folgendes fragen: Kennt jemand ein Konzeptalbum, das komplett aus dem Bauch heraus entstanden ist? Mir ist nämlich nicht klar, wie so etwas funktionieren soll.

„Mindcrime I“ hatte nur Hits, zugegeben. Aber es war auch kommerzieller, eben dem damaligen Zeitgeist angemessen. Die Fortsetzung ist deutlich sperriger und erfordert viel Zeit und Muße. Wer die nicht aufbringen will, sollte die Finger von der Scheibe lassen. Alle anderen dürfen getrost in Nikkis Welt eintauchen. Es gibt garantiert Phantastisches zu entdecken und nach spätestens zehn Gesamtdurchläufen ist man süchtig. Die beste und unterhaltsamste QUEENSRYCHE-Platte seit „Promised Land“ (1994) und mir daher ohne Gewissensbisse sechs Punkte wert. Welcome back, guys!

Trackliste:
01. Freiheit Ouvertüre
02. Convict
03. I’m American
04. One Foot In Hell
05. Hostage
06. The Hands
07. Speed Of Light
08. Signs Say Go
09. Re-Arrange You
10. The Chase
11. Murderer?
12. Circles
13. If I Could Change It All
14. An Intentional Confrontation
15. A Junkie’s Blues
16. Fear City Slide
17. All The Promises


Marcus Italiani [Mattaru]
11.04.2006 | 16:17
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