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Interviewpartner: Björn Gelotte, Anders Fridén

Nachdem am 17.06.2011 das mittlerweile zehnte Album der Schweden IN FLAMES erschienen ist, sprechen Gitarrist [und seit dem Ausstieg von Jesper Strömblad alleiniger Songwriter] Björn Gelotte und Sänger Anders Fridén über das neue Werk der Band und die anstehende Herbsttour 2011, die mit Bandzuwachs Niclas Engelin zelebriert werden soll.

Der aktuelle Longplayer ist das erste Album, seitdem Jesper Strömblad aufgrund seiner Alkoholsucht und der damit verbundenen Therapie die Band verlassen hat.
"Nachdem Jesper weg war, habe ich mich selbst gefragt, ob ich noch Energie habe, weiterzumachen. Es war merkwürdig, weil Jesper und ich seit 15 Jahren alles zusammen geschrieben haben. Auf einmal war das alles von mir abhängig. An dem Tag, als Jesper ging, habe ich abends 15 Riffs geschrieben. Nur wenig davon ist auf dem Album gelandet , aber ich wollte es probieren und sehen, ob ich es ohne ihn schaffe. Ich bin glücklich, dass es nach IN FLAMES klingt, weil es nicht richtig wäre, wäre es anders."




Dabei ist es Anders enorm wichtig immer wieder zu betonen, dass die Trennung freundschaftlich verlaufen ist und nur zum Wohle sowohl von Jesper als auch der Band stattgefunden hat: "Die Leute sollen wissen, dass wir uns nicht getrennt haben, weil wir mit Jesper nicht klar kamen oder weil es musikalische Differenzen gab. Es ist traurig, aber wir machen weiter und schreiben, wie bisher. Björn und ich sind jetzt fürs Komponieren verantwortlich. Ich glaube, Björn war nervöser. Anfangs war ich auch ein bisschen nervös, aber ich habe mir gesagt: 'Wir machen das, also steh auf und mach dein Ding.' … Wir sind mit einigen Riffs und Songteilen ins Studio gegangen. Als wir dort die Ideen zusammengetragen haben, um die Arbeit am Album voranzutreiben, ging das Ganze auf."


Dieser Prozess war laut Björn jedoch kein Zuckerschlecken, sondern eine Phase voller Diskussionen und Kompromisse, die jedoch im Endeffekt den einmaligen Sound der Band prägte: "Wir sind musikalisch weit voneinander entfernt, und ich glaube, was meiner Meinung nach eine der Stärken von IN FLAMES ist. Je weiter wir uns musikalisch voneinander wagen, desto mehr Kompromisse müssen wir eingehen, wodurch sich immer stärker ein Punkt herausbildete, an dem sich unsere verschiedenen Geschmäcker treffen. Das gibt uns einen enormen Spielraum.“
Das Mitwirken von IN FLAMES-Neuling Niclas Engelin ist auf dieser Platte jedoch vergeblich zu suchen. Björn: "Wir haben mit ihm gesprochen, und ich habe ihm gesagt, dass ich das wirklich alleine machen möchte, um mir selbst zu beweisen, dass ich es kann. Außerdem denke ich, dass wir noch nicht bereit waren, mit jemand Neuem Musik zu schreiben. Niclas hat das respektiert und es hat ihm nichts ausgemacht.“

Fragt sich der Hörer jedoch, woraus der doch deutliche Unterschied zum ruhigeren Vorgänger "A Sense Of Purpose" resultiert haben mag, kann Björn dies wie folgt erklären: "Wir haben kontentrierter um den Gesang herum gearbeitet. Früher kam der Gesang erst in der letzten Aufnahmewoche so richtig dran, weshalb er vielelicht weniger Aufmerksamkeit erhalten hat, als er gebraucht hätte.“ Dadurch änderte sich besonders für Anders das Herangehen an die Produktion: "Ich habe eine Reihe Lyrics geschrieben, wie ich es üblicherweise mache, wenn wir aufnehmen wollen. Doch als wir mit den Recordings anfingen, wurde mit klar, dass ich die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten musste, weil ich mehr in den Gesang investieren wollte. Ich habe die Texte umgeschrieben, und wir haben mit Melodien und Arrangements angefangen. Vieles auf dem Album war sehr spontan."


Nachdem die musikalische Seite des Albums durchleuchtet ist, bleibt am Ende noch eine Erklärung zum für weite Interpretationen offenen Titel "Sounds Of A Playground Fading" offen. Anders wagt den Versuch einer Erklärung: "Ich hab mir was im Fernsehen angeschaut und angefangen darüber nachzudenken, dass es kaum noch Orte auf unserem Planeten gibt, die vom Menschen unberührt sind. In der westlichen Welt nutzen wir die Ressourcen, bis sie aufgebraucht sind. Wenn wir also eines Tages ein Zeichen bekommen, dass wir nur noch fünf Jahre haben, bis alles endet, würde das unsere Denkweise ändern? Oder werden wir alles ausschöpfen und uns mit einem großen Knall verabschieden, weil uns die Zeit davonläuft? Ich kann und sollte es nicht predigen, aber ich kann viele Fragen stellen. Es ist ein düsteres Thema, aber nicht sehr weit von der Realität entfernt. Auf diesem Album gibt es mehr Fragen als Antworten, was mein Weg der Kommunikation ist. Die Leute können das in den Texten lesen und mit mir darüber sprechen, wenn wir uns treffen. Persönlich finde ich diesen Prozess der Diskussion sehr interessant."




Letzendlich verbleibt noch die Einordnung des neuen Album in den Gesamtkontext der Bandgeschichte, wobei nicht nur einmal von Fans und Kritiker der Vergleich des neuen Material mit Klassikern wie zum Beispiel "Lunar Strain“ [1994], „The Jester Race“ [1996] oder „Whoracle“ [1997]. Björn fasst die Entwicllung der Band, sowohl musikalisch als auch persönlich wie folgt zusammen: „Dies ist unser zehntes Studioalbum, aber das bedeutet nicht, dass sich deshalb etwas für uns ändert. Die Quintessenz bei IN FLAMES wird immer dieselbe bleiben, auch wenn sich die Art und Weise geändert hat, in der wir das Songwriting angegangen sind; es beginnt mit einem Riff oder einer Melodie, und wächst von da an. Es kommt darauf an, wie die Musik arrangiert wird, und das ist die Stelle, an der es für uns härter geworden ist. Wir haben versucht, so früh wie möglich das Beste herauszuholen, gute Hooks und starke Melodien zu entwicklen, und diese nicht nur mit den Gitarren. Wir haben uns mehr auf die Vocals fokussiert und im Endeffekt die Vocals an sich in den Mittelpunkt gestellt, um die Songs darum zu bauen. Das war dieses mal ein sehr interessanter Prozess.
Anders führt die Betrachtung der Entwicklung von IN FLAMES weiter aus: “Wenn wir das Album betrachten, liegt dem Ganzen folgende Theorie zu Grunde: Man könnte ein Riff nehmen und die komplette Studioproduktion drumherum entfernen, das Ding den gleichen dreckigen Konditionen unterziehen, unter denen „Lunar Strain“ produziert wurde, und am Ende, das verspreche ich euch, würdet ihr den Unterschied nicht hören. Wir sind immer noch dieselben. Wir haben nie versucht, vor unserer Vergangenheit zu flüchten. Unsere Intention war es schon immer, die Vergangenheit mit in unsere Gegenwart zu bringen. Wie ich schon sagte, ihr könntet unseren Sound auf den Kopf stellen, und wir wären immer noch in der Lage, die Melodien und die Agressionen beizubehalten.
Wenn ihr Elemte von „Whoracle“ oder „Colony“ auf unseren anderen Alben hören könnt, oder sogar auf unserer neuen Platte, ist das großartig!“

Mini-Mensch

Autor: Kristina Flieger [Mini-Mensch] | 28.06.2011 | 09:53 Uhr

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