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Interviewpartner: Daniel Gildenlöw

Für das kommende Jahr haben die schwedischen Progressive Metaller von PAIN OF SALVATION ein neues Album angekündigt, das erste seit dann immerhin drei Jahren. Als kleiner Appetitanreger einerseits und schlicht als Überbrückung andererseits ist im November schon mal vorab die EP „Linoleum“ veröffentlicht worden, welche die Erwartungen vieler Hörer an das neue Album noch weiter in die Höhe getrieben haben dürfte. Bandgründer und Kreativkopf Daniel Gildenlöw gab uns Auskunft zur EP und einen Ausblick auf den neuen Longplayer.




Hallo Daniel, ich hatte kürzlich bereits das Vergnügen, eure neue EP zu besprechen und jetzt würde ich dir dazu gerne noch ein paar Fragen stellen.

Das klingt nach einer brillanten Idee, ich bin ganz Ohr [und Auge].


PAIN OF SALVATION waren schon immer eine sehr experimentelle und mutige Band, trotzdem war ich vom Titeltrack „Linoleum“ etwas überrascht, als ich ihn das erste mal hörte. Er besitzt einen deutlichen Classic Rock-Einschlag, den ich nicht erwartet hätte. Hattet ihr das geplant, oder war das eine natürliche Entwicklung?

Also für mich ist es ein Song, wie ich ihn noch nie zuvor gehört habe, worum ich auch grundsätzlich immer kämpfe. Was den Sound angeht, so habe ich eine schwere Zeit auf der Suche nach einem einzigen Metal, bzw. Prog Metal-Album hinter mir, dass meiner Meinung nach einen guten und originellen Sound hat. Ich habe mich sehr bemüht, unseren Sound näher an diese kompromisslose, nackte und rohe Schönheit zu bringen, die unsere Musik und Texte schon seit jeher definieren. Also weg mit dem „beeindruckenden“ Low-End, welches den Songs ihren Punch raubt und weg mit den schönen knusprigen Höhen, die eine dicke Zuckerschicht über alles legen und weg mit dem übermäßigen Hall! Wir haben immer unser Bestes gegeben, um den Hörern eine Hand entgegenzustrecken und sie zu berühren, ihnen langsam die Haut abzuziehen, um uns Zutritt zu ihnen zu beschaffen. Betretet das Linoleum!


Als ich mir eure neue EP das erste mal angehört habe, befand ich mich gerade auf meinem morgendlichen Weg zur Arbeit. In dem Moment, als der fünfte Track „Bonus Track B“ ertönte [in dem die PAIN OF SALVATION-Musiker mehrere Minuten lang einen äußerst wirren Dialog zum Thema Bonustracks zum Besten geben; Anm. d. Verf.], habe ich mich kaputt gelacht. Möglicherweise war das der beste Bonustrack, den ich bis dato gehört habe. Wer kam denn auf diese Idee und war das ein spontaner Dialog oder habt ihr euch vorher dazu etwas aufgeschrieben?

Wir albern immer gerne ein wenig herum und ich bin schon seit jeher ein großer Fan des direkten britischen Humores, der im Gegensatz zum amerikanischen nicht so offensichtlich ist. Wir haben ein paar mal versucht, den Track mit Hilfe von ein paar simplen Grundideen und Wortspielen aufzunehmen, jedoch ohne vorher irgend Etwas niederzuschreiben. Für gewöhnlich kommen Fredrik und ich mit solchen Ideen an, aber ich bin derjenige, der darauf beharrt, diese dann auch durchzuziehen. Johan brachte den Rest von uns während der Aufnahmen mit seinen perfekten Einsätzen permanent dazu, dass wir uns fast totgelacht hätten. Wir haben auch noch eine weitere Version auf schwedisch aufgenommen, bei der Léo [Margarit, der 2007 zur Band gestoßene Drummer aus Frankreich] ausschließlich französisch spricht. Die ist in meinen Augen die witzigste, dummerweise verstehen Nichtschweden natürlich kein Wort. Vielleicht werden wir diese Version als Download auf unserer Homepage veröffentlichen, vor allen Dingen Johan war darauf absolut großartig.


Die „Linoleum“-EP wurde ja als Vorgeschmack auf euer neues Album „Road Salt“ veröffentlicht. Kannst du uns etwas zum aktuellen Stand der Dinge diesbezüglich sagen? Und werden einer oder mehrere Songs von der EP auf dem Album zu hören sein?

Um ehrlich zu sein wissen wir momentan selber noch nicht genau, welche Songs letztendlich auf dem Album sein werden. Ich habe die Arbeit an „Road Salt“ nach einer längeren Pause aufgrund der SPV-Problematik und meiner Vaterschaft gerade erst wieder aufgenommen und jetzt hängt noch alles vom Konzept-Aufbau ab. Aber natürlich sind die Songs von der EP dem „Road Salt“-Konzept entnommen, auch wenn ihnen ein eigenes kleines Konzept zu Grunde liegt.


Ich habe gelesen, dass „Road Salt“ ein Doppel-Album werden soll, was heutzutage ja ein überaus ambitioniertes Projekt darstellt. Glaubst du wirklich, dass die Hörer noch genügend Ausdauer und Geduld mitbringen, um sich mit so viel neuem Material gebührend auseinandersetzen zu können?

Naja, derzeit bin ich auch gerade etwas von der Idee abgerückt, ein Doppel-Album zu machen. Zum Teil aufgrund dessen, was du gerade angesprochen hast, aber auch weil mir die unfreiwillige Pause einen neuen Blickwinkel geboten und mir Zeit gegeben hat, damit zu leben. Gewissermaßen kann man sagen, dass die Sache gereift ist. Es gibt jetzt zwei verschiedene Themen, die aus dem Gesamtkonzept herausstechen und rückblickend muss ich sagen, dass ich glücklich über die zusätzliche Zeit bin, die mir die Trockenzeit 2009 geboten hat. Vermutlich hätten wir bei der angedachten Veröffentlichung des Albums während der geplanten US-Tour, einige Kompromisse eingehen müssen. Im Grunde genommen entstand die Idee mit dem Doppelalbum zum Teil wohl auch nur aus Panik, weil ich es nicht ohne Weiteres geschafft habe, auf die Schnelle diese beiden Themen herauszugreifen.


Kannst du uns denn schon etwas über das Konzept von „Road Salt“ erzählen und wann können wir mit der Veröffentlichung der Platte rechnen?

Lass mich mit den Veröffentlichungsdaten anfangen, da es um einiges leichter ist damit... zu beginnen...? Also so wie es derzeit aussieht, werden wir das Ganze Konzept auf zwei Alben aufteilen, wobei das Erste im April oder Mai 2010 veröffentlicht werden soll, wenn alles glatt läuft. Das Zweite soll dann später im Jahr, möglicherweise im September raus kommen. Sobald sich der ganze Staub mal etwas legt [sofern er das denn überhaupt noch mal tut] und ich mich voll auf das Konzept konzentrieren kann, werde ich das aber genauer absehen können. Bezüglich des Konzepts kann ich sagen, dass es eine Menge Ideen zusammen bringt, die bereits auf unseren letzten Alben Thema waren. Rückblickend dreht es sich immer um die selben Probleme, die vom Erwachsenwerden handeln, davon wie man zu sich selbst findet oder man sich verliert. Ich denke, dass viele Menschen fälschlicherweise glauben, dass „Remedy Lane“ und „The Perfect Element Part 1“ intimere und sensiblere Alben sind, einfach weil sie oberflächlich betrachtet sehr intim wirken, im Grunde genommen hat aber „Scarsick“ exakt die selbe Handlung wie „The Perfect Element Part 1“, wenn man zwischen den Zeilen liest. In „The Perfect Element Part 1“ haben wir die Gesellschaft durch die Augen zweier Individuen betrachtet, während wir in „Scarsick“ durch die Augen der Gesellschaft, die uns formt, auf die menschlichen Strukturen eines Individuums blicken. Die Bausteine sind völlig identisch. Auf „Road Salt“ wird das persönliche und intimer eher auf einer oberflächlichen Ebene stattfinden, wodurch die Leute vermutlich einfacher einen Bezug dazu entwickeln können. Die Story wird Parallelen zwischen Straßen und dem Leben, oder gewissen Situationen im Leben, thematisieren und erzählt, wie wir gegen etwas kämpfen, von dem wir denken, es bestimmt unser Leben, obwohl unser Leben durch das bestimmt wird, was wir zurücklassen. Es erzählt die Geschichte, wie wir oftmals kurz davor sind aufzugeben, wie wir Straßen weiter runter fahren, die wir nicht mal kennen, nur weil man uns sagte, wir sollten ihnen folgen. Es ist die Geschichte, die davon handelt, sich zu verlieren und sich zu finden – jedoch nicht unbedingt in der Reihenfolge.


Auf dem Promozettel zur neuen EP habe ich gelesen, dass diese den Beginn von PAIN OF SALVATION Phase Zwei bedeute. Was genau meint ihr damit? Wo liegt der Unterschied zwischen der Vergangenheit und der Zukunft der Band?

Das weiß ich nicht genau, ich habe den Text nicht geschrieben. Man hat mich interviewt und vermutlich habe ich etwas gesagt, was diesen Gedanken ausgelöst hat. Allerdings fühle ich, dass die zwei letzten Jahre einige Prüfungen für uns bereit hielten und Gelegenheiten zum Zweifeln gegeben haben. Ich denke, dass PAIN OF SALVATION durch eine kleine Krise gegangen sind, was für mich – der ich in dieser Band bin, seit ich elf Jahre alt war – nichts Neues ist. Aufbauen, reparieren, wiederaufbauen, einreißen, überdenken – das ist alles Teil eines natürlichen Kreislaufs, der uns alle antreibt. Vom konzeptionellen und musikalischen Gesichtspunkt aus betrachtet, tendiere ich dazu, die ersten vier Alben als eine klare Linie zu sehen, die damit beginnt, die kleinen Perspektiven aus Sicht des großen Zusammenhangs zu betrachten [„Entropia“] und dahin geht, große Perspektiven durch die kleinen Zusammenhänge zu sehen [„Remedy Lane“]. „12:5“ war der musikalische Schmelztiegel, bzw die Zusammenfassung, während „BE“ im konzeptionellen und lyrischen Bereich ähnlich war. So gesehen war „Scarsick“ das erste Album eines neuen Kreislaufs – in gewisser Weise das „Entropia“ des zweiten Kreislaufs - und ein neues Kapitel. „Road Salt“ gibt mir nun wieder das selbe Gefühl des Ankommens, wie seinerzeit, als ich „The Perfect Element Part 1“ schrieb. Es ist, als sei ich ein instabiles Isotop auf der Suche nach dem nächsten stabilen Zustand, bevor ich in einer anderen Halbwertszeit beginne zu verfallen. Die Reisen sind immer genau so interessant, wie die Orte, an denen man ankommt. „Road Salt“ ist mein neues Zuhause und das, wonach ich in den letzten Jahren gesucht habe.


Wie sehen denn eure Pläne nach der Veröffentlichung der neuen Platte aus? Vermutlich geht ihr auf Tour!? Kannst du uns schon sagen, was die Fans auf euren nächsten Konzerten erwarten wird?

Nein, keine Ahnung. Also natürlich werden wir mit der neuen Scheibe auf Tour gehen wollen, wenn sie veröffentlicht ist, aber es gibt noch keine konkreten Pläne. Wir wissen nur, dass es in den nächsten Monaten viel zu tun geben wird. Während ich das hier schreibe, sitze ich gerade im Flieger von Dubai nach Australien, nachdem ich gerade erst aus Russland zurückgekehrt bin. Nach zwei Wochen Australien werden wir eine Woche lang Konzerte in Europa spielen und dann am 23. Dezember werden wir nach Hause kommen. Im Januar werden wir mit dem neuen Album beschäftigt sein und dann stellen wir uns dem großen Zirkus des Melodifestivalen [dem schwedischen Vorentscheid zum Eurovisions Song Contest; Anm. d. Verf.]. Wir schwimmen mit dem Strom und halten unsere Augen immer auf den Horizont gerichtet, um nicht zu viele Erfahrungen mit der Bewegungskrankheit zu machen. J


Ich danke dir vielmals, dass du dir die Zeit genommen hast und wünsche euch alles Gute für alles, was ihr euch vorgenommen habt. Ich bin schon sehr neugierig auf „Road Salt“ und freue mich, es in Bälde zu Gehör zu bekommen.

Danke, es war mir ein Vergnügen. Ich hoffe, du magst die neue Scheibe. Wenn nicht, dann machst du selbstverständlich irgend etwas falsch! ;)

kaamos

Autor: Timo Beisel [kaamos] | 20.12.2009 | 20:35 Uhr

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