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Interviewpartner: Marcus Siepen

Die Veröffentlichung des neuen BLIND GUARDIAN Albums, „At The Edge Of Time“, steht nun, nach einer ewig erscheinenden, vierjährigen Wartezeit, unmittelbar bevor. Grund genug für uns, den GUARDIAN-Gitarristen Marcus Siepen zum Gespräch zu bitten. Dieser zeigte sich am Telefon sehr gut gelaunt und freundlich und stand unseren Fragen bereitwillig Rede und Antwort.

Herausgekommen ist ein ausführliches und sehr interessantes Interview, das die allgemein herrschende Vorfreude auf den neuen Longplayer und die darauffolgende Tour der Krefelder noch steigern dürfte…




Marcus, vier Jahre ist es nun her, seit wir die letzte Platte von euch in Händen hielten. Die Aufnahmearbeiten sind abgeschlossen und das Release steht nun unmittelbar bevor. Seid ihr selbst mit dem Ergebnis zufrieden?

Ich bin sehr, sehr zufrieden mit dem neuen Album und ich weiß, dass die anderen das genauso sehen. Meiner Meinung nach ist es zum einen die beste Produktion, die wir jemals bei einer Platte soundtechnisch hatten, und, wie ich finde, auch vom Songwriting her die beste Scheibe, die wir jemals gemacht haben, weil sie wirklich alles vereint, was BLIND GUARDIAN ausmacht. Du hast einen hohen Anteil von klassischen, alten GUARDIAN-Elementen, also die schnellen Sachen und die Härte der früheren Scheiben, und zum anderen die Komplexität und das Bombastische von den neueren Sachen. Wir konnten zum ersten Mal mit einem richtigen Orchester aufnehmen, was ein Traum war, weil das soundtechnisch schon eine ganz andere Hausnummer ist als – selbst perfekt programmierte – Keyboards. Es klingt einfach anders, wenn du 90 Mann hast, die auf ihren natürlichen Instrumenten spielen. Von daher sind wir extrem glücklich mit dem Ergebnis.


Das Album trägt den Titel „At The Edge Of Time“. Hat der Titel einen bestimmten Hintergrund oder Bedeutung für euch oder wie seid ihr darauf gekommen?

Öhm, ja… Wir brauchten 'nen Titel. [lacht]


Es wurde also irgendwas cool Klingendes gesucht…

Natürlich. Ich muss sagen, Titelfindung ist etwas, mit dem wir uns immer ein wenig schwer tun. Wir hatten 3000 Kandidaten... Es waren teilweise Songtitel im Rennen, es waren teilweise Sachen, die weder mit den Songs noch mit sonst etwas zu tun hatten. Es zog sich, wie üblich bei uns. Irgendwie fand einer den Vorschlag genial, der Nächste fand ihn O.K. und die anderen Beiden fanden ihn scheiße. Es wurden täglich etliche Mails hin und her geschickt mit neuen Ideen, aber irgendwie waren wir nie wirklich glücklich. Auf diesen Titel sind wir mehr oder weniger nur durch Zufall gekommen, als wir mal zusammen irgendwo hingeflogen sind, ich glaube zu einer Fotosession nach München oder so. Dazu hatten wir uns am Flughafen getroffen und Hansi [Kürsch/Sänger, Anm. d. Red.] und ich hatten unabhängig voneinander dieselbe Idee, eben „At The Edge Of Time“… bzw. ich hatte „The Edge Of Time“ und er hatte eben „AT The Edge Of Time“. Die anderen Beiden fanden den Titel auch geil. Es passt zum textlichen Konzept von mehreren Stücken, es klingt nach einem typischen BLIND GUARDIAN Titel, mit dem wir uns auch alle identifizieren konnten, und von daher waren wir sehr glücklich, dass die lange Suche endlich ein Ende hatte. [lacht]


Mit dem von euch online gestellten Videoblog konnte man sich bereits im Vorfeld ein Bild von eurer Studioarbeit machen. Was war es für ein Gefühl, erstmalig eine Kamera mit im Studio zu haben?

Es ist immer erst einmal unnatürlich, wenn auf einmal jemand mit der Kamera neben dir steht und dich bei irgendwas filmt. Das ist im Studio noch ungewöhnlicher als wenn du bei einem Konzert gefilmt wirst. Als wir die Coburg-DVD [Imaginations Through The Looking Glass, Anm. d. Red.] gemacht haben, denkst du den ganzen Tag, bevor du auf die Bühne gehst, daran, aber sobald das Konzert einmal angefangen hat, blendest du die Kameras eigentlich mehr oder weniger aus. Im Studio ist das schon so ein bisschen anders, denn da stehen auch nicht zigtausend Leute vor dir und feiern. [lacht] Da versuchst du ja irgendwie auf den Punkt zu spielen und hast irgendwie immer im Hinterkopf, „Hoffentlich spiele ich jetzt nicht extrem Scheiße, alles ist auf Video und jeder sieht, was du für’n Depp bist!“. Es dauert länger, bis man das ausblenden kann, aber man gewöhnt sich dran. Ich meine, wir sind ja nicht da, um nette Videoblogs zu produzieren, sondern wir wollten ein Album aufnehmen, und irgendwann musst du einfach abschalten, dich wirklich auf deine Takes konzentrieren und die eben auf Band prügeln.


Wie lange habt ihr insgesamt für die Aufnahmen gebraucht?

Puh, lass mich lügen… ich würde sagen, insgesamt 6–7 Monate, inklusive Mix, wobei wir zum ersten Mal etwas anders vorgegangen sind als normalerweise. Alle anderen Produktionen sind bisher mehr oder weniger am Stück gelaufen. Wir haben das Schlagzeug für alle Nummern aufgenommen, dann die Gitarren, Bass etc., in welcher Reihenfolge auch immer. Dieses Mal haben wir in Blöcken gearbeitet, das heißt, Frederik [Ehmke/Schlagzeuger, Anm. d. Red.] hat 2–3 Nummern eingespielt und danach haben wir diese dann erstmal fertig gemacht. Anschließend hatten wir ein paar Wochen Pause, bevor es dann wieder weiterging. Das war eine sehr entspannte und angenehme Arbeitsweise, weil du immer wieder Luft hattest und nicht am Stück alles durchackern musstest. Man konnte zwischendurch am Songwriting weiterarbeiten, denn als Frederik zum Beispiel die ersten Sachen eingetrommelt hatte, waren noch gar nicht alle Stücke fertig. Dazu kam, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte von BLIND GUARDIAN-Produktionen keine technischen Probleme hatten. [lacht] Normalerweise raucht immer irgendwas ab, Festplatten gehen kaputt und du musst Aufnahmen neu machen, Bandmaschinen verabschieden sich… Irgendwas geht immer schief. Doch dieses Mal sind wir wirklich von allen Katastrophen verschont geblieben.


Das ist gut, du hast gerade meiner nächsten Frage so ein bisschen vorgearbeitet.

Entschuldigung… [Gelächter]


Man sieht in den Videos sehr schön, dass ihr wegen des hohen Personalaufgebotes – ihr hattet Chöre, ein Orchester und sogar Stepptänzer im Einsatz – in mehreren Studios gearbeitet habt, unter anderem auch in Istanbul. Hattet ihr aufgrund der vielen Locations Probleme oder Verzögerungen aufgrund der Koordination dieser vielen Aufnahmen?

Nein, es lief alles glatt. Wir haben, glaube ich, auch das allererste Mal in unserer gesamten Geschichte die Deadline eingehalten. Das ist ja normalerweise auch so ’ne Geschichte. Bei allen Produktionen war es grundsätzlich so, wenn wir eine Deadline hatten, die haben wir nie eingehalten. Wir waren immer mindestens einen Monat drüber, teilweise auch noch mehr. In der Beziehung sind wir auch konsequent. Wir geben immer erst in dem Moment ein Produkt ab, wenn wir sagen „Jetzt ist es fertig!“. Und wenn die Deadline sagt, wir müssen fertig sein und wir aber der Meinung sind, wir sind noch nicht fertig, dann SIND wir noch nicht fertig, ganz einfach. Diesmal ging wirklich alles glatt. Das Orchester ist komplett in Prag aufgenommen worden, die Recordings der Metalband an sich sind alle bei uns zu Hause im eigenen Studio passiert, die Geigen wurden in der Türkei aufgenommen und es hat alles perfekt zusammengepasst. Charlie [Bauerfeind / Produzent, Anm. d. Red.] hat das Ganze schön koordiniert und immer die Übersicht behalten. So rund ist noch nie eine Produktion von uns gelaufen. Noch nicht mal die von „Battalions Of Fear“ und die hat mit Mix nur drei Wochen gedauert. [lacht]


Nichts desto trotz ein Kracher!

Ja. War auch ’ne andere Musik damals. Da hatte man weniger Spuren, die abgearbeitet werden mussten. Dieses Mal sind wieder so ein, zwei Spuren zusammengekommen. Das Übliche eben…


Den Bass hat für das neue Album wieder Oliver Holzwarth eingespielt, der euch natürlich auch wieder auf der kommenden Tour begleiten wird. Genau wie euer Stamm-Live-Keyboarder Michael „Mi“ Schüren ist er schon seit Jahren live dabei, die beiden gehören aber nach wie vor nicht zum offiziellen Bandgefüge. Ist das auf euren Wunsch hin so oder auf Wunsch von Michael und Oliver?

Sowohl als auch. Wir haben kein Interesse daran, die Band an sich aufzustocken, weil es teilweise unter vier Leuten schon schwierig genug ist, Entscheidungen zu fällen. Wir sehen auch keine Notwendigkeit darin, einen oder beide als offizielle Bandmitglieder aufzunehmen, und die zwei wollen das auch gar nicht. Michael hat seine eigene Band laufen [COLDSEED, Anm. d. Red.], Oli hatte immer SIEGES EVEN und ist jetzt gerade mit TARJA unterwegs. Beide wissen, dass sie unsere erste Wahl sind, wenn GUARDIAN live wieder aktiv werden und bis jetzt hat das alles immer wunderbar so funktioniert.


Bei „At The Edge Of Time“ habt ihr, so wie es scheint, einige Einflüsse aus anderen Ländern und Kulturen mit einfließen lassen. Als Beispiel nenne ich mal das sehr orientalisch anmutende „Wheel Of Time“ oder „Curse My Name“, das einen irisch-keltischen Einschlag zu haben scheint. Wie kam es dazu, waren das Urlaubsmitbringsel?

[lacht] Nein, entsprechende Urlaube haben wir nicht gemacht. Aber wir haben es schon teilweise bewusst gemacht. Die irisch-keltischen Einflüsse hatten wir ja auch früher schon in unserer Musik, wie zum Beispiel einige Melodiebögen in „Mirror Mirror“ oder anderen Nummern. Wir haben das nur noch nie so konsequent umgesetzt, würde ich sagen. „Curse My Name“ ist in der Beziehung der erste Song, bei dem wir diesen Schritt komplett bis zu Ende gegangen sind und wirklich die ganze Bandbreite abfeuern, von Stepptänzern über Tin Whistles bis hin zu den Streichern. Ich muss sagen, es ist für mich einer der Höhepunkte der Platte. Ich stehe auf diese keltische Musik und ich finde, das harmoniert perfekt mit unserer Art der Musik, speziell in einem solchen Kontext. Und die orientalischen Geschichten bei „Wheel Of Time“ waren gar nicht geplant und sind uns am Anfang selbst noch nicht einmal bewusst gewesen. Die Nummer war ursprünglich auch gar nicht für dieses Album geplant gewesen, sondern sollte eigentlich Teil des Orchesterprojektes werden. Hansi war jedoch nicht so glücklich mit der orchestralen Version und meinte zu André [Olbrich/Gitarrist, Anm. d. Red.], er solle doch mal versuchen, da irgendwie die Metalband mit einzubauen. Daraus entstand dann die Metalversion von „Wheel Of Time“. Keinem von uns fiel auf, dass da eigentlich orientalische Sachen drin sind, bis Charlie irgendwann zu uns meinte, „Sehr geil, aber die orientalischen Sachen sollten wir mal versuchen zu featuren!“. Daraufhin wurde uns erst bewusst, was darin alles für Skalen enthalten waren. Anschließend haben wir dann die Orchestrierung an den Start gebracht und so ist das Lied langsam gewachsen und ist jetzt, meiner Meinung nach, das Kernstück des neuen Albums.


Du hast gerade das Orchesterprojekt angesprochen. Wie ist dabei der aktuelle Stand?

Es wurden schon mehrere Songs aufgenommen. Es wird weiter daran gearbeitet und Anfang 2011 sollen weitere Aufnahmen laufen. Ich kann noch nicht sagen, wann es jetzt komplett fertig sein wird, aber wir ziehen dran. Es ist definitiv akuter als je zuvor.


Was ist da genau geplant? Wie muss man sich das mit dem Orchester vorstellen, wie groß wird die Geschichte?

Die wird groß! Das musst du dir so vorstellen… wie BLIND GUARDIAN ohne BLIND GUARDIAN. [lacht] Stelle dir zum Beispiel mal „Wheel Of Time“ ohne die Metalband vor. Es ist schwer zu beschreiben… du hast alle typischen Eigenschaften von uns, die ganzen Melodien, Harmonien und alles drum und dran, aber es gibt keine Gitarren, es gibt kein Schlagzeug, aber es gibt Hansis Gesang. Wir wissen noch nicht, wie wir das im Endeffekt komplett aufziehen werden, aber das ist jetzt so jedenfalls das Grundkonzept. Wir schaun mal… [lacht]. Aber die Songs, die bis jetzt aufgenommen sind, klingen tierisch!


Vor jedem neuen Album gibt es immer wieder heiße Diskussionen eurer Fans, wie das neue Album denn nun klingen wird. Eher modern, episch, bombastisch oder, wie es viele immer wieder fordern, härter und mehr "back to the roots". Bei dem neuen Album habt ihr, wie du vorhin schon selbst sagtest, alles davon in einen Topf geworfen und kredenzt eine Mischung aus allem davon. Wenn dich jemand fragt: "Wie klingt die neue Guardian?", wie würdest du sie am treffendsten mit wenigen Worten beschreiben?

Puuuuhhh… da fragst du genau den Richtigen. [grübelt lange] Mit einem Wort, die klingt GEIL! [Gelächter] Nein, im Ernst, wer uns nicht kennt und einen Überblick über uns haben möchte, der sollte sich diese Platte anhören, denn darauf hörst du ganz einfach alles, was uns ausmacht. Du hast die gesamte Härte und das Tempo, welches die früheren Sachen, bis zur „Somewhere Far Beyond“ oder so, ausgemacht haben, du hast die progressiveren und epischeren Elemente… Du hast einfach alles dabei. Diese Platte definiert für mich BLIND GUARDIAN, speziell im Jahre 2010. Und an all die Nörgler, die immer gemeckert haben „Oooch… die sind gar nich’ mehr hart, die sind gar nich’ mehr so schnell…“ – Doch! Sind wir noch! [lacht]


Könnt ihr diese Kommentare eigentlich immer noch hören, oder hängt euch das mittlerweile zum Hals raus? Immer wieder diese Diskussionen von Leuten, die „die alten GUARDIAN“ wieder haben wollen. Die Fragen danach tauchen doch sicher immer wieder auf, oder?

Du hörst es natürlich immer wieder, aber da sind wir ja nicht die einzige Band, die damit konfrontiert wird. Fakt ist jedoch für uns, wir haben keinen Bock uns zu wiederholen. Wenn also jemand sagt, dass seine Lieblingsplatte die „Somewhere Far Beyond“ ist und wir mal wieder so was machen sollen, dann können wir nur antworten, dass wir die Platte auch geil finden, deshalb haben wir sie vor 18 Jahren gemacht. Aber wir haben sie schon gemacht, deshalb werden wir sie nicht noch ein zweites Mal rausbringen. Für uns gilt auch immer mit jedem neuen Album, wir möchten uns weiterentwickeln und damit wirst du immer einer gewissen Anzahl von Leuten vor den Kopf stoßen, die eben wollen, dass du immer so klingst wie auf ihrer Lieblingsscheibe. Wir versuchen eben immer, etwas Neues mit rein zu bringen, ohne natürlich die ganzen Roots über Bord zu schmeißen. Wir sind BLIND GUARDIAN, wir stehen zu unserer ganzen Geschichte und das ist immer noch die Musik, die wir mögen. Auf der neuen Platte hast du Elemente der alten Geschichten, du hast mittlere und neuere Sachen, aber du hast auch Sachen drauf, die wir eben noch nie hatten, wie zum Beispiel das Orchester oder das extrem Keltische. So lange sich jemand mit der Musik auseinandersetzt und dann sein Urteil fällt, kann ich jede Meinung dieser Erde akzeptieren. Musik ist eben immer Geschmackssache und ich habe auch nicht den Anspruch, dass jeder Mensch auf diesem Planeten uns geil finden muss. So lange also jemand sachlich urteilt, habe ich damit überhaupt kein Problem.


Gibt es im Vorfeld bandinterne Diskussionen, in welche Richtung das neue Material gehen soll, oder entscheidet sich das erst im Studio während der Aufnahmen?

Die eigentliche Richtung kristallisiert sich erst beim Songwriting heraus. Du kannst dich nicht im Vorfeld hinsetzen und sagen, „So, jetzt brauchen wir fünf Nummern die so klingen, dann noch eine die so klingt und eine Ballade brauchen wir auch noch!“. Das funktioniert bei uns nicht. Die einzige Maxime ist, es soll anders klingen als die letzte Platte. Stagnation und Wiederholung wären für uns der Tod. Da hätten wir keinen Bock drauf und ich glaube, auch unsere Fans hätten da keinen Bock drauf. Das ist also von daher das Einzige, was im Vorfeld steht. Die grobe Marschrichtung stellt sich erst heraus, wenn mehrere Stücke stehen, und teilweise wachsen diese erst bei den Aufnahmen, so wie es im vorhin genannten Beispiel von „Wheel Of Time“ der Fall war. Das ist dann eben zu einem Selbstläufer geworden. Du kannst so etwas nicht erzwingen, denn ich könnte mich nicht hinsetzen und sagen, „Ich brauche jetzt ’ne Neun-Minuten-Nummer mit orientalischem Orchester!“. Da wüsste ich gar nicht, wo ich anfangen sollte.


Ihr könnt, mit mittlerweile neun Studioalben, bei der Songauswahl für eure Konzerte aus dem vollen Schöpfen. Spielt ihr bei den Shows, auch in Hinblick auf die kommende Tour, trotzdem noch gerne die alten Songs, aus den 80er und frühen 90er Jahren?

Jein. Fakt ist, wir haben wirklich einen reichhaltigen Backkatalog, aus dem wir schöpfen können, ja. Fakt ist aber auch, dass wir gewisse Nummern spielen müssen, weil wir ansonsten gekreuzigt werden. Und das sind nicht immer die Songs, auf die man an dem Abend auch Bock hat, gebe ich zu. Den Song „Majesty“ zum Beispiel spielen wir seit 1986 und es ist nicht unbedingt der größte Hit innerhalb der Band, wenn es um die Beliebtheit geht. Trotzdem ist die Nummer immer wieder mal mit im Rennen, weil wir wissen, es ist ein Klassiker vom ersten Album, den die Leute einfach nach wie vor lieben. Daher spielen wir das logischerweise auch. Wir haben jetzt einen Block mit vier oder fünf Proben schon gemacht, bei dem wir ca. 40–45 Songs geprobt haben, aus denen wir dann unser Set zusammenbasteln wollen. Die können wir logischerweise nicht alle an jedem Abend spielen, denn das wären wirklich SEHR lange Shows. Aber wir wollen einfach die Auswahl haben, weil wir keine Lust darauf haben, jeden Abend dasselbe Set zu spielen. Das wird sonst auf Dauer sehr, sehr langweilig. Unsere letzte Tour ging 18 Monate und wenn du so lange jeden Abend immer die gleichen 20 Stücke zockst, drehst du irgendwann durch. Das wird dann zur Routine und das kann der Show nicht gut tun. Dazu kommt natürlich auch, dass viele Leute mehrere Shows besuchen und dadurch die Garantie haben, nicht zweimal nacheinander dasselbe Konzert zu sehen. Was jetzt GENAU gespielt wird, kann ich im Moment noch nicht sagen, denn das wird dann an jedem Abend, manchmal erst ca. eine Stunde bevor wir auf die Bühne gehen, festgelegt. Wir haben ein Paar neue Songs eingeprobt, es sind die üblichen Set-Klassiker am Start und es sind auch Nummern mit dabei, die wir lange nicht mehr gespielt haben und wo wir mal wieder Bock drauf hatten. Es ist ein guter Mix, glaube ich.


Du hast gerade "Majesty" angesprochen. Bei manchen alten Songs, wie z.B. bei "Majesty", fällt einem auf, dass ihr die Songs live mittlerweile etwas langsamer spielt, als es auf dem jeweiligen Album der Fall war. [Marcus lacht] Macht ihr das bewusst, damit sich die älteren Songs besser ins neue Material einfügen oder ist das schlicht und einfach eine schleichende Entwicklung über die ganzen Jahrzehnte?

Wir sind aaalt! [Gelächter] Nein, es hat weder mit einem Gesamtkonzept noch mit sonst irgendwas in der Richtung zu tun. Es liegt einfach daran, dass „Battalions Of Fear“ das EINZIGE Album war, was wir damals ohne Click-Track aufgenommen haben. Das heißt, Thomen [Stauch/Schlagzeuger bis 2005, Anm. d. Red.] hat 2-3-4 angezählt und wir haben einfach gespielt. Die Nummern auf dem Album halten also nie ein konstantes Tempo, sondern werden schneller, werden langsamer, eiern halt irgendwo rum. Bei der dazugehörigen Battalions-Tour haben wir auch live ohne Click gespielt, was dazu führte, dass wir einmal, ich glaube in Bremen, eine Version von "Majesty" gespielt haben, die unter drei Minuten war [die Albumversion ist 7:30 Minuten lang, Anm. d. Red.], weil wir die doch so ein BISSCHEN schneller gespielt haben. Das ist eben so. Auf der Bühne stehst du unter Adrenalin, und wenn es kein Click-Track gibt, dann gibst du Gas. Von diesem Gig haben wir dann zufällig irgendwann eine Aufnahme in die Hände gekriegt und beschlossen, dass das so einfach nicht geht. Seit „Follow The Blind“ spielen wir also alle Platten mit Click-Track ein und auch live hat Frederik eines auf dem Ohr. Wir spielen daher also die Songs live im selben Tempo wie auf Platte. Und dadurch, dass wir dann irgendwann im Nachhinein das richtige Tempo für "Majesty" festgelegt hatten, kann das dann live so erscheinen, dass die CD-Version schneller, langsamer oder was auch immer war.


Nochmal zurück zum neuen Material. Habt ihr beim Songwriting, den Aufnahmen oder der Produktion zu "At The Edge Of Time" irgendetwas an der bewährten GUARDIAN-Grundrezeptur geändert, oder seid ihr getreu dem Motto "never change a running system" an die Sache herangegangen?

Wir sind eingeschossen. Seit 1997 haben wir unser eigenes Studio hier vor den Toren von Krefeld. Das heißt, bei der „Nightfall In Middle-Earth“ haben wir angefangen, teilweise dort aufzunehmen, und alles danach ist komplett bei uns entstanden. In unserem eigenen System und immer mit Charlie Bauerfeind. Das ist ein eingespieltes Team und es funktioniert hervorragend.


Das garantiert dann wahrscheinlich auch eine gewisse Stressfreiheit, nehme ich an.

Natürlich. Jeder neue Faktor bringt erstmal eine gewisse Unsicherheit rein und damit automatisch Stress. Das muss nicht automatisch schlecht sein, sondern kann natürlich auch eine Herausforderung darstellen, aber da wir immer mit dem Ergebnis zufrieden waren, gab es für uns keinen Grund, da jetzt irgendetwas umzukrempeln. Neuland für uns war natürlich das echte Orchester. Wenn du da auf einmal ein großes Orchester aufnimmst, ist das natürlich eine ganz andere Geschichte. Da haben wir wirklich vollkommenes Neuland für uns betreten und auch aus dem Vollen geschöpft. Soundtechnisch ist das aber, wie schon gesagt, eine ganz andere Welt. Das hört man sehr schön bei der Originalversion von „Sacred Worlds“, das ja damals unter dem Namen „Sacred“ für das Computerspiel geschrieben wurde und da nur ein Keyboard-Orchester hatte. Wenn du das jetzt mit der aktuellen Albumversion mit dem 90-Mann-Orchester vergleichst, ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Es war definitiv die Mühe wert!


Inwiefern spielt für euch die Live-Tauglichkeit beim Schreiben der Songs für ein Studioalbum eine Rolle? Denkt ihr z.B. bereits in einem frühen Stadium daran, wie sich das Ganze live umsetzen lässt?

Live-Tauglichkeit spielt bei unserem Songwriting überhaupt keine Rolle. [lacht] Da denkt man nicht drüber nach, weil wir keinen Bock haben, uns irgendwie mit Hintergedanken wie „Ooh… hoffentlich kriege ich das auf der Bühne nachher hin!“ einzuschränken. Ansonsten könnten wir auch solche Produktionen gar nicht fahren. Bestes Beispiel ist „And Then There Was Silence“. Der Song hat knapp 200 Spuren und auf der Bühne stehen sechs Musiker. Es besteht also keine Chance, die Nummer auch nur ansatzweise 100% originalgetreu rüberzubringen. Das hat uns aber auch im Vorfeld überhaupt nicht interessiert. Wir wollten die Nummer so haben, wie sie auf dem Album ist. Erst, wenn die Platte fertig ist und wir uns für die Tour vorbereiten, überlegen wir uns, „Wie spielen wir den ganzen Scheiß jetzt überhaupt live?“. [lacht] Dann muss sich wirklich jeder hinsetzen und seine Hausaufgaben machen und ein Arrangement finden, das live funktioniert und das hat bisher eigentlich immer geklappt. Machbar ist das also alles. Als wir damals die Single von „And Then There Was Silence“ rausgebracht haben, hat die ganze Welt geschrien „Ja, tolle Nummer, aber die könnt ihr unmöglich live spielen! Geht nicht… nicht spielbar!“. Äh, DOCH… ganz ohne Probleme spielbar!


…kommt auch live sehr geil rüber.

Dankeschön. [lacht]


Bei vielen Bands ist es in Mode gekommen, alle zwei Jahre eine neue Live-DVD auf dem Markt zu schmeißen. Das Thema wird ja sehr inflationär behandelt in letzter Zeit. Die erste und bis dato einzige GUARDIAN-DVD „Imaginations Through The Looking Glass“ erschien im Jahre 2004. Gibt es schon Pläne für einen Nachfolger oder eine neue Live-CD im Hinblick auf die kommende Tour?

Wir werden mit Sicherheit Sachen aufnehmen, das haben wir definitiv vor. Es gibt aber noch keine konkreten Pläne, wann und wie das Material dann verwertet wird. Bei der DVD gibt es, wie du schon sagtest, genau eine von uns nach über 20 Jahren im Business. Und auch Live-CDs gibt es nur zwei und auch die haben einen gesunden Abstand voneinander. Es macht meiner Meinung nach auch keinen Sinn, jedes Jahr eine neue Liveplatte rauszubringen, auf der dann nur zwei neue Stücke enthalten sind und ansonsten hast du dasselbe Livealbum wie schon einmal im Schrank stehen. Das braucht kein Mensch, ich zumindest nicht. Da warten wir lieber, bis entsprechend viel neues Material am Start ist und man nicht nur eine Neuauflage einer alten Live-CD rausbringen muss.


Wie blickt ihr auf eure Live-DVD „Imaginations Through The Looking Glass” zurück? Diese wurde ja auf eurem eigenen zweitägigen, sehr gut besuchten Festival in Coburg aufgezeichnet. Habt ihr schon mal darüber gesprochen, so etwas noch einmal aufzuziehen, oder war das für euch eine einmalige Sache?

Nein, das war keine einmalige Geschichte! Wir werden definitiv so was noch mal machen, wobei wir auch das nicht inflationär machen wollen. Wir hatten von vorne herein nicht das Interesse daran, jetzt einmal im Jahr ein BLIND GUARDIAN Open Air zu machen, sondern das soll schon etwas Besonderes bleiben. Das war damals eine unglaublich geile Erfahrung für uns, die sehr viel Spaß gemacht hat und das Ergebnis, also die DVD, spricht glaube ich für sich. Es wird eine Wiederholung geben, aber die muss nicht zwangsläufig in Coburg passieren und die muss auch nicht unbedingt so aussehen wie beim ersten Mal. Es kann dann also auch in einem komplett anderen Rahmen ablaufen. Fest steht nur, wir WOLLEN es noch einmal machen und es soll wieder etwas Besonderes werden.


Wie sehen ansonsten eure Pläne für die nähere Zukunft aus?

Touren, touren, touren und ein bisschen touren. [lacht] Also, wir sind ab September auf Tour und werden erst einmal sechs oder sieben Wochen Europa beackern. Dann haben wir ca. eine Woche Pause zu Hause, wo wir die Koffer neu packen können und danach sind wir wieder sechs Wochen in Amerika unterwegs. Über Neujahr haben wir dann wieder ein Päuschen, bevor es dann Anfang 2011 wieder weiter geht. Ich gehe davon aus, dass diese Tour ungefähr so laufen wird wie die letzte. Das heißt ungefähr 120 Shows, 18 Monate unterwegs… Das ist also so in etwa das, was die nähere Zukunft von BLIND GUARDIAN ausmacht. [lacht]


Es gibt also reichlich Gelegenheit euch in nächster Zeit live zu sehen.

Definitiv, ja.


Klassische Frage: Würdest du BLIND GUARDIAN hören, wenn du nicht selbst Mitglied der Truppe wärst?

Dann ja. Keiner von uns würde die Musik so spielen, wenn er sie nicht mögen würde. Ich bleibe jetzt mal beim Tour-Beispiel. Wenn wir jetzt 18 Monate auf Tour gehen und hätten überhaupt keinen Bock auf die Mucke, die wir da spielen, würde ich irgendwann ausrasten und sagen, „Ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken, ich fahr’ jetzt nach Hause. Ich hab’ keinen Bock mehr!“ Es würde keinen Spaß machen und wir könnten es auch nicht überzeugend rüberbringen. Bei sehr, sehr vielen Bands kann ich sehen, dass die da eigentlich keinen Bock drauf haben, sondern das wegen der Kohle oder sonst was machen. Wir mögen definitiv diese Musik, deshalb, wenn ich nicht bei BLIND GUARDIAN spielen würde, dann würde ich diese Musik hören. Ich höre nur unsere eigenen CDs nicht, denn wenn du monatelang auf Tour bist, dafür zu Hause die Sachen übst und vorher noch ein halbes Jahr im Studio die Sachen geschrieben und eingespielt hast, dann muss du das in deiner Freizeit nicht auch noch hören. [lacht] Aber an sich ist das eine Musik, die jeder von uns sehr mag.



OK, Marcus. Danke für das freundliche und sehr aufschlussreiche Interview. Zum Abschluss übergebe ich das Wort noch einmal an dich. Hast du noch etwas, was du den Fans mitteilen möchtest?

Ja, klar. Die Single zu „A Voice In The Dark“ ist mittlerweile im Handel erhältlich, das heißt, jeder, der sich bereits vorab einen Eindruck von unserem neuen Material machen möchte, kann dies damit tun. Dazu haben wir seit kurzem auf unserer Homepage Samples zu allen Songs auf der Platte. Wer also mehr hören möchte, als nur die Single, wird dort fündig. Ich hoffe, dass alle Leute dem Album eine Chance geben, es sich anhören, es hoffentlich geil finden und dann auch zur Tour erscheinen. Wir haben Bock darauf, wieder zu spielen und freuen uns darauf! Und…ja, ich hoffe, ich sehe euch alle zahlreich in den nächsten Monaten.

M

Autor: Manuel Roth [M] | 10.07.2010 | 14:41 Uhr

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