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"Starker Auftritt"
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Band: Metalnews nach 'Ultha' durchsuchen Ultha
Interviewpartner: Ralph S., Chris N., Andy R., Ralf C.

Vor ziemlich genau drei Jahren formierten sich fünf Herren aus dem Kölner Raum, um die Erfahrungen ihrer bisherigen Bands aus den unterschiedlichsten Musikgenres zu einem morbiden Black-Metal-Mahlstrom zusammenzufassen. ULTHA erblickten im Frühling 2014 das Licht der Welt und revolutionierten die Szene zumindest im kleinen Rahmen. War schon das Debütwerk "Pain Cleanses Every Doubt" ein Leckerbissen für Genre-Connaisseure, eroberte das - mittlerweile leicht veränderte - Quintett mit "Converging Sins" letzten Herbst auch die Herzen der internationalen Fachpresse.
Nicht einmal ein aufgebauschter "Internet-Skandal" konnte die politisch aktive Band aus der Spur werfen. Ganz nach dem Motto "was uns nicht umbringt, macht uns härter" standen uns Ralph (git, voc), Chris (voc, bass), Ralf (git), Andy (elec) und der schweigsame Manuel (dr) vor ihrem Auftritt mit den Geistesgenossen WOE im Wiener Escape Metalcorner Rede und Antwort. Doch nicht nur ausführlich und endgültig abschließend über die eben angesprochene Causa, sondern auch über Zusammenhalt im Black Metal, Grauzonen im politischen Segment, sonderbare Genre-Klassifizierungen und die Liebe zum roten Licht.





Leute, anfangs sollten wir doch über die aktuellen Ereignisse eurer jüngeren Vergangenheit sprechen. Ihr durftet unlängst nicht auf dem „Droneburg-Festival“ im Hamburger Hafenklang auftreten, weil ihr angebliche NSBM-Bands reingewaschen hättet – so die offizielle Begründung.

Ralph S.: Die „Droneburg“-Leute sind an dem Fiasko nicht schuld, sie haben nur die Nachricht übermittelt. Sie bekamen am gleichen Tag, zu einer Zeit als wir eigentlich schon in Hamburg sein sollten, vom Hafenklang selbst nur die Info, dass ULTHA und WOE nicht spielen dürften. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt schon 450 Kilometer auf der Autobahn verbracht.


Der Ursprung lag darin begründet, dass ihr mit der US-Black-Metal-Band INQUISITION ein paar Tage später in Rotterdam auftreten solltet.

Chris N.: Wir hätten zwei Tage später mit INQUISITION in Rotterdam spielen sollen. Wir hatten da plötzlich zwei Wochen vor Tourbeginn einen richtigen Internet-Shitstorm laufen, obwohl die Show in Rotterdam auch schon drei Monate vorher feststand. Einige Veranstalter bekamen kalte Füße und die kurzfirstige Absage des Hafenklangs war eine der Konsequenzen.


Habt ihr euch anfangs schwer getan, die richtigen Worte zu finden und mit diesem Shitstorm adäquat umzugehen?

Ralph: Eigentlich wollten wir einen überhitzten Internet-Shitstorm verhindern, weil da dann Trolle alles anfeuern. Deshalb machten wir uns die Mühe, jede persönliche Nachricht direkt zu beantworten und mit den Leuten zu sprechen. Viele fanden das gut, einige haben uns aber keine Ruhe gelassen und uns überall verlinkt, sodass wir auf jeden Fall im Internet damit hervorstechen. Sie haben angefangen Veranstalter anzuschreiben, wo wir bereits Shows gebucht hatten, damit sie uns vom Billing kicken, weil wir Nazis reinwaschen würden. Veranstalter, die uns persönlich kannten und die zu uns stehen, wurden massiv unter Druck gesetzt und gegen unser Label Vendetta wurden Drohungen ausgesprochen. Das war uns dann zu krass woraufhin wir das erste Statement verfassten.

Chris: Uns anzugehen ist die eine Sache, aber wenn es dann Veranstalter, die mit uns befreundet sind, trifft, und auch unser Label Vendetta, dann ist das etwas anderes. Wir haben dann in Absprache mit diesen Leuten das Statement veröffentlicht. Wir wussten, dass das ziemlich durch die Decke gehen würde, wenn auch nicht in diesen Ausmaßen.

Ralph: Wir sprechen hier nicht von Mails an Stefan von Vendetta, warum wir das eben machen würden, sondern direkte Drohungen in der Art von „wenn du weiter mit dieser Band arbeitest, wird das für dich, dein Label und deinen Laden Konsequenzen haben“. Da hängt nicht nur er drin, sondern auch zwei andere. Das war dann doch zu viel. Uns war klar, dass wir uns mit der Entscheidung die Show zu spielen nicht nur Freunde machen und ein paar verprellen würden, aber dass es so weit geht, war nicht abzusehen. Um noch etwas klar zu stellen – es war nicht die Antifa! Wir haben viele Freunde in der Antifa, die uns unterstützen und uns sagen, sie würden es genauso machen, nämlich dahin gehen wo es ein Problem gibt und Leute damit konfrontieren. Es sind meist Internetmoralwächter, die ein wenig Ahnung von theoretischer Philosophie haben, jedoch nur ein sehr eng gestecktes Sichtfeld.

Chris: Die haben auch keine Ahnung von der Metalszene. Sie versuchen ihre Schablone aus ihren AZ-Strukturen anzuwenden. Da wir auch aus der Szene kommen, kennen und verstehen wir diese Denkmuster, wobei die Subkultur Metal viel zu divers und heterogen ist, um das eins zu eins übertragen zu können.


Es ist auch für euch ein Teufelskreis, denn auch wenn ihr mit Internettrollen konfrontiert seid, müsst ihr selbst die Social-Media-Plattformen nutzen, um eure Standpunkte klarzumachen.

Ralph: Diese AZ-Strukturen sind super und wir finden diese Läden toll. Man kann das aber nicht auf alle Musikrichtungen und Lebenslagen anwenden. Wir haben auch kein Problem, ein öffentliches Statement zu schreiben, aber es zieht auf beiden Seiten die Extremen an. Einerseits die extreme Linke, die uns als „Nazisympathisanten“ beschimpfen, die mit Aktionen wie diese Show zu spielen angeblich Grenzen einreißt und Bands „legitimiert“ und dann kommen auf der anderen Seite auch die rechten Idioten. Genau diese Diskussionen der Extreme wollen wir nicht, aber es war nicht mehr zu verhindern. Es war de facto dann auch keine Diskussion, denn es wurde primär nur noch gestichelt und gepöbelt: „Ihr linken Schwuchteln“ , „Scheiß Antifa“ oder „Wer Black Metal hört, ist sowieso rechtshoffen“ etc. Uns wird dann vorgehalten „schaut euch an, das sind eure Fans“. Aber ganz ehrlich, KEINE der beiden Seiten die so extrem zur Sache gegangen sind war dabei, weil sie Fans von ULTHA waren. Es ging da um das Gaffen bei einem Autounfall und schön die Rettungskräfte behindern.

Wir haben Kommentare gelöscht die nur provozieren sollten oder alles zum vierten Mal aufkochen – die Reaktion? „Ihr zensiert!“. Dann haben wir alle Kommentare offen stehengelassen und das hat auch wieder niemandem gepasst. Was soll man da noch sagen? Das Internet mit dem Verstecken hinter einer Tastatur verhindert scheinbar sinnstiftende Gespräche. Wir können uns nicht aussuchen, wer unsere Musik konsumiert. Wenn jemand meint, er wäre Sexist, homophob und rechts und findet ULTHA gut, dann soll er die Musik halt hören. Ihm wird aber schnell klar werden, die Musik ist sicher nicht für solche Idioten gedacht. Wir können nur schwer durchsetzen, dass jetzt bitte alle unsere Facebook-Seite verlassen sollen, die anderer Meinung sind als wir.


Stimmt es, dass ihr anfangs nicht über die Historie von INQUISITION Bescheid wusstet?

Andy R.: Nicht in der ganzen Tiefe und mit all den Nebenprojekten aus ihrer Vergangenheit.

Ralph: Uns war klar, dass da mal was mit No Colours Records war. Es gab das große Interview „I’m Not A Nazi“. Dagon aka Jason von INQUISITION hat sich hingestellt und sich in einem der größten Metalmagazine der USA klar von seinem alten Label und der Vergangenheit distanziert. Er hat keinen Bock mehr mit Rechten assoziiert zu werden und er bereue viele der Entscheidungen aus seiner Vergangenheit. Er hatte sich auch zu seinem Nebenprojekt geäußert, dass er das mit dem MM88 „anders“ gemeint hätte. Natürlich hätte das noch viel deutlicher sein können und führt in Kombination mit vielen der teilweise ekelhaften Bilder und stupiden Interviews aus der Vergangenheit zu Zweifeln. Trotzdem zählt für uns der Grundgedanke „Fehler werden gemacht, man muss nur dazu stehen“. Wenn du so viele Facebook-Fans und generell solch einen Status in der Black-Metal-Szene hast, dann verlierst du mit so einem Statement viele der orthodoxen, truen, „unpolitischen“ Fans, weil die behaupten, sie würden sich der Linken beugen.
Unser Booker kennt den Booker von INQUISITION und er hat uns versichert, dass die Band zu ihrer Vergangenheit steht zwar Scheiße gebaut zu haben, aber heute anders drauf ist. Unser Booker ist der Sänger einer holländischen, linkspolitischen Grind-Band – er würde eine Nazi-Band nicht einmal mit der Beißzange anfassen und uns da sicher nicht hinbuchen, wenn er Zweifel hätte. Für ihn, seine Band und seinen Job als Booker hätte das katastrophale Folgen. Er kennt uns und unseren Standpunkt ganz genau. Auch der Booker war ein Altlinker aus Holland der sich keine Naziband ins Haus holt. Für uns war daher alles soweit okay.


Verdient jeder eine zweite Chance? Man wandelt in diesem Bereich schnell auf einer sehr schmalen Linie.

Andy: Im Statement haben wir gesagt, dass wir Leuten eine zweite Chance geben.

Ralph: Ich bin Lehrer und finde es wichtig, dass ein Schüler zu mir kommt, wenn er Scheiße gebaut hat und sich entschuldigt. Dann kriegt er eine zweite Chance. Macht er es zum wiederholten Mal, dann hat er ein Problem. Jeder macht Fehler, aber man muss dazu stehen und das haben INQUISITION gemacht. Menschen können sich ändern, egal wie krass ihre Vergangenheit war. Würde uns aber jemand fragen, ob wir mit GRAVELAND spielen wollten, würden wir das klar ablehnen. Rob Darken ist ein Nazi, der dazu steht und das in seine Musik einfließen lässt. INQUISITION singen über kosmische, böse Macht und distanzieren sich von Politik, finden politische Extreme aber scheiße. Das ist halt keine Punkband. Andere Bands aus dem deutschen D.I.Y.-Metalumfeld, die sich wesentlich politischer präsentieren als wir, spielen mit wesentlich krasseren Bands als INQUISITION und da sagt niemand was. Scheinbar wird an uns aber gerade ein Exempel statuiert. Vielleicht, weil wir aus der linken Szene kommen und in den AZ-Strukturen sehr aktiv waren, oder weil die Band größer wird. Wir wissen das selbst nicht so genau.

Andy: Diese Anfeindung kam zum Teil von Leuten, die wir seit Jahrzehnten kennen, das war schockierend. Die wissen normal, wie wir ticken. Wir haben mit denen Dutzende Konzerte gespielt, es ist einfach total unnötig.

Ralf C.: In dem einen oder anderen Kommentar konnte man klar rauslesen, dass Neid ein Faktor war.

Andy: Wir bekommen oft den Eindruck, als würden wir die Ideale der Szene verraten, das ist absoluter Quatsch.

Chris: Wir werden gerade zu Gralshütern einer gewissen Integrität hochstilisiert, die wir gar nicht sein möchten. Wir sind fünf normale Typen, aber offenbar stößt das manchen wohl sauer auf, dass wir bekannter werden. Eigentlich wäre mir das egal, aber es hat einfach zu hohe Wellen geschlagen.

Andy: Das mit INQUISITION war vielleicht ein Fehler, weil wir es zu Beginn nicht wussten. Wir haben da eben unserem Booker vertraut.


Gerade im Black Metal müsste man aber fast schon ein Studium ablegen, um nicht irgendwo in eine kleine Falle zu tapsen. Der Grat ist in der gesamten Szene ein unheimlich schmaler.

Chris: Entweder man spielt nur in den autonomen AZ-Strukturen und bleibt auf der sicheren Seite, aber wir und auch WOE glauben schon, dass man aus diesen Schuppen raus- und auf die Leute zugeht. Man kann auch Black Metal spielen, ohne ein totaler Hohlroller und sich mit „ich bin unpolitisch“ aus der Affäre zu ziehen oder sogar rechtsoffen zu sein. Es geht aber auch, ohne total linkspolitisch zu sein – darum geht es uns ja nicht.


Aber wo zieht ihr da die Grenze für euch? MARDUKs Morgan inhaliert den Zweiten Weltkrieg förmlich, das machte aber auch zeit seines Lebens Lemmy von MOTÖRHEAD. Dann gibt es GORGOROTH, wo Hoest singt, der auch schon mit bemaltem Hakenkreuz herumlief. Wie sortiert man da aus, was man macht und was nicht?

Ralf: Die ganze Metalszene spielt seit jeher mit der Kriegsrhetorik. Heute sind ja sogar Patronengurte inkorrekt.

Ralph: Schon auf den KISS-Postern siehst du die SS-Runen, da könnte man eigentlich schon anfangen.


Ist die überbordende Political Correctness ein Problem in der Szene, die immer von Provokation und Aufrühren lebte?

Ralf: Ich denke schon. Die Spielereien von Metalbands mit Provokationen war ja niemals Teil einer Debatte. Natürlich muss man das nicht gut finden und es soll nicht zu extrem sein, aber es wurde früher nicht auf die Goldwaage gelegt.

Ralph: BURZUM ist wohl eine der wichtigsten Black-Metal-Bands für die Entwicklung dieses Genres. Als ich 1994 13 war, habe ich die Platten gekauft und fand sie super, würde aber heute nicht mit einem Shirt von BURZUM rumlaufen. Ich mache keine Werbung für so einen Idioten. Viele tragen diese Shirts, weil sie die Bands lieben und nicht, um einen Nazi zu verherrlichen. Das ist schwierig im Metal. Es ist völlig okay, wenn linkspolitische Locations Leute mit Grauzonen-Merch rausschicken. Diese machen das vorher meist klar deutlich, dann kann man das akzeptieren oder halt eben nicht auf die Show gehen. Andererseits kriegst du dort oft vier bis fünf (Black)-Metal-Bands für ein paar Euro statt für 20 Euro in einem kommerziellen Laden. Manche lassen dafür gerne mal die Weste zuhause, die aufrühren würde.

Andy: Mir ist die Policitical Correctness schon wichtig. Ich will nicht mit Leuten am Tisch sitzen, die scheiß Witze machen oder Sexisten sind. Aber zu sagen, nur weil wir bei diesem Thema nicht vehement aussortieren, würden wir die Ideologie teilen, ist etwas zu kurz gedacht. Wir alle haben unsere Ansichten und wissen, wo wir herkommen. Man kann Leuten durchaus mal sagen, dass es scheiße ist, was sie reden oder tragen.


Machismus und Sexismus sind im Black Metal sehr hoch angesagt. Je bekannter ihr werdet, umso eher werdet ihr mit derartigen Bands zusammengespannt für Touren. Wie werdet ihr das regeln?

Ralph: Da sind wir in einer privaten Misere, die gleichzeitig ein Vorteil ist. Da wir ein sehr limitiertes Zeitfenster haben, sortieren wir jedes Angebot extrem genau. Wir werden wahrscheinlich nie länger als eine Woche am Stück unterwegs sein. WOE sind Freunde von mir, die ich lange kenne und diese Tour ist auch ideologisch deckungsgleich. Ob wir auf so große Package-Nightliner-Touren gehen, wo man mit den Bands gar nicht viel am Hut hat, da bin ich mir nicht sicher. Von 100 Prozent der Black-Metal-Bands im Jahre 2017 interessieren mich vielleicht zwei Prozent. Es gibt so unfassbar viele Bands, die es immer schaffen, noch einmal MAYHEM aufzukochen und das juckt mich nicht. Für uns war von Anfang an klar, dass wir nur in Läden spielen, die wir mögen und mit Bands, die wir musikalisch schätzen oder die Freunde von uns sind. Das limitiert die Lage schon einmal stark.

Andy: Wir widersprechen uns vielleicht intern auch mit der INQUISITION-Sache, aber das war ein Festival, das ist etwas ganz anderes.

Ralph: Es war für uns auch interessant, mal so ein Festival zu spielen. Musikalisch sind INQUISITION nicht zu 100 Prozent meines, aber der Veranstalter braucht natürlich auch einen Headliner. Er hat ganz klar gesagt, er hätte keinen Bock auf rechte Leute und somit war für uns alles klar.


Selbst ein Fenriz von DARKTHRONE hatte auf der „Transilvanian Hunger“ „Norsk Arisk Black Metal“ stehen, und hat eigentlich nichts mit dieser Ausrichtung am Hut.

Ralph: Auf der dritten Platte meiner alten Band PLANKS waren Aufkleber, auf denen stand, dass wir wie eine Mischung aus DARKTHRONE und MASTODON mit einer Prise THE CURE klingen würden. Sogar dafür haben wir Anfeindungen bekommen. Wie können wir nur DARKTHRONE drauf schreiben, das wäre doch Nazi-Scheiß.




Themenwechsel: Auf eurer Facebook-Seite bewerbt ihr eure Bandfreunde wie WOE oder PARAMNESIA immer sehr aktiv. Ist das ein Statement für ein Miteinander in einer Szene, die nur allzu gerne gegeneinander kämpft?


Chris: Es ist kein Statement gegen irgendwas. Wir kennen das nicht anders, als Künstler und Bands, die man mag, zu supporten. Wir sind ja nicht alleine auf der Welt.

Ralph: Da wir bekannter werden und mehr Likes haben, helfen wir natürlich auch gerne. PARAMNESIA sind zum Beispiel eine dieser Zwei-Prozent-Bands, die einfach genial sind. WOE sind länger dabei als wir und haben auch mehr Fans, aber hauptsächlich in den USA. In Europa sind die Leute dann total platt, wenn sie die Band sehen. Das ist der DIY-Gedanke – man hilft sich gegenseitig und greift unterstützend ein, soweit es geht. Auch die Tour entstand so. WOE waren für das „Roadburn“ eingeladen und wir sagten, wir machen eine Tour drumherum. Wir teilen uns die Kosten für den Wagen, die Backline ist von uns und wir helfen auch bei den Flügen. Wir nehmen kein Geld dafür.


Musikalisch seid ihr aber eher vom amerikanischen oder australischen Black Metal beeinflusst. Die klassische Norwegenschule erschließt sich mir bei euch nicht auf den ersten Eindruck.

Ralph: Bei den Australiern kenne ich mich gar nicht aus. [lacht] Es hört jeder was anderes heraus, auch bei uns. Aber der Haupteinfluss ist tatsächlich der US-Black-Metal und ein bisschen auch die französischen Bands. Bei uns müssen die Songs stimmen, da geht es nicht um das Aneinanderreihen von Riffs, sondern um Melodien, die das richtige Maß zwischen Härte, Atmosphäre und Eingängigkeit haben. Wir werden sehr oft als Atmospheric Black Metal bezeichnet. Die Schubladensache ist grauenhaft, wenn ich da höre was da alles durchgeht, dann will ich damit nicht assoziiert werden. Wir haben ein Gesamtkonzept von Artwork, Texten, Musik, Songaufbau und Liveshows.

Chris: Skandinavischer Black Metal ist wohl automatisch in der DNA mit drin. Ich bin selbst großer MAYHEM- und DARKTHRONE-Fan und das ist auf jeden Fall auch da.


Legt ihr mehr Wert auf die Gesamtatmosphäre als auf den Song selbst?

Chris: Ich würde sagen, dass beides gleich wichtig ist. Der Songaufbau und auch das Funktionieren eines Songs sind primär wichtig. Am Ende muss natürlich eine Atmosphäre transportiert werden. Ich finde diese instrumentalen Postrock-Bands, furchtbar, die 15 Minuten nur auf einen Ton herumplänkeln – so machen wir das nicht. Wir haben immer Strukturen und sie funktionieren vom Aufbau fast wie Popsongs.

Ralph: Mir war bei Musik immer wichtig, dass ich auf Platte als auch live mitgenommen werde. Eine Konsensband bei uns intern ist sicher NEUROSIS. Ich habe sie mehrfach live gesehen und sie waren immer der Wahnsinn. Sie hatten jahrelang Projektionen und Störgeräusche – als sie dann alles rauskickten und sich auf die pure Essenz konzentrierten, waren die Leute erst einmal überrascht. So etwas möchte ich nicht. Unsere Platte fließt durch und so auch unser Livekonzert. Wir werden nie auf der Bühne eine Gitarre tunen oder die Leute zum Shirtkauf animieren, das liegt uns fern.

Andy: Wir sind nicht da, um den Leuten eine gute Stimmung zu machen. Wir gehen mehr Richtung Performance und da gehören keine Witze rein. Es müssen ja nicht immer Projektionen sein, aber das Licht ist zum Beispiel auch sehr wichtig.

Ralph: Mehr Budget bedeutet mehr rote Lichter. [lacht] Wir würden die Show mit mehr Geld gleich aufbauen wie jetzt. Wir wollten das immer puristisch halten, es gibt keinen Platz für Brimborium. Wir sind der Albtraum für die Lichtleute, weil die sich mit unserer Musik gerne mehr spielen möchten, wir aber nur statisches rotes Licht wollen. Der Kollege kann dann Bier trinken gehen. [lacht] Daran werden wir auch festhalten. Pyroshows oder über die Bühne rennen lenkt nur von der Musik ab, das wäre für uns unvorstellbar.

Andy: Unsere Freunde von SUN WORSHIP haben viel Stroboskoplicht verwendet, aber bei uns funktioniert das nicht – auch wenn sie eine geile Atmosphäre damit kreierten.

Chris: Es sollte nichts von der Musik ablenken. Mit rotem Licht und Nebel treten wir als Personen in den Hintergrund. Es gibt so viele Black-Metal-Bands, die Liverituale zelebrieren, wo 45 Minuten lang Kerzen, Geweihe, Tische und Altäre aufgebaut werden. Dann stehen sie auf der Bühne und sind unsicher, weil sie nur drei solcher Rituale pro Jahr veranstalten. Dann noch eine halbe Stunde runterrumpeln und wieder lange abbauen.


Ist der Weihrauchgerauch in der Szene heute oft schon wichtiger als das memorable Riff?


Chris: Auf jeden Fall. Es ist ihnen wichtiger, als einen ordentlichen Song zu schreiben. Ich bin der letzte, der Corpsepaint und okkulte Symbolik nicht gut findet, aber bei vielen wirkt es einfach nur gewollt und überhaupt nicht authentisch.

Ralph: Im Doom ist es auch so, dass es einen Wettbewerb gibt, wer den ältesten Verstärker oder das coolste Fuzzpedal hat. Am Ende ist es eine lahme Kopie von DOWN oder ELECTRIC WIZARD. Wir achten auch auf das Equipment, aber es muss funktional sein. Es geht um den Song und den Effekt der Musik.


Diese sogenannten Ritualbands funktionieren aber gut – siehe BATUSHKA als Beispiel. Läuft ihr da nicht Gefahr, vielleicht auch reinzurutschen, weil man die Fans damit eben kriegen kann?

Ralph: Wir werden nichts tun, was inflationär ist. Uns liegt nichts ferner, als mit schwarzen Lederjacken und Kapuzen aufzutreten, das machen ohnehin alle.

Andy: Wir haben schon den Anspruch, etwas eigenes zu machen. Wir sind nicht die erste Band, die Nebel und rotes Licht auf der Bühne hat, aber wir haben schon was, was nicht viele machen. Es gibt natürlich Leute, die es uns nachmachen, aber das liegt nicht in unserer Hand.

Chris: Es wäre zudem extrem unglaubwürdig, wenn jetzt ausgerechnet wir anfangen würden, in Mönchskutten aufzutreten. Das ist für mich total unvorstellbar.


Ralph, deine Texte für ULTHA sind persönlich, intensiv und sehr leidend. Ist es dann nicht schade, dass sie bei Konzerten kein Mensch versteht?

Ralph: Ich habe immer darauf geachtet, was der Künstler einer Band singt. Die Stimme ist bei uns ein weiteres Instrument. Ich drücke mich über die Texte aus und gebe mir dabei sehr viel Mühe. Wenn jemand den Zusammenhang eines ganzen Plattenkonzepts durchblickt, weil er Interesse dafür hat, dann freut mich das. Manchmal kommt auch jemand und sagt dir, du hättest ihm mit deinen Texten das Leben gerettet, das ist natürlich ein unbeschreibliches Gefühl. Ich kann satanische Bands gut finden, bin aber nicht religiös. Wir sind als Band sehr authentisch und das Emotionale passt zu uns. Es muss aber in der Band passen und Chris muss die meisten Texte singen.

Chris: Es kam aber noch nie vor, dass ich mich mit einem Text von Ralph gar nicht identifizieren konnte. Ralph gibt mir einen ersten Entwurf, ich setze mich dann damit auseinander und versuche der erste Rezipient zu sein, der das für sich in Kontext setzt. Das funktioniert gut und ist auch essenziell dafür, das Ganze dann authentisch rüberzubringen. Man muss die Inhalte nachfühlen können. Das muss ich mit mir selbst ausmachen und es für mich richtig kanalisieren.

Ralph: Eine lustige Randnotiz: neben Atmospheric Black Metal waren wir auch schon öfters Suicidal Black Metal. Oder Depressive Black Metal. Wir haben von allem etwas und eigentlich sind wir nichts. [lacht]




Es gehört aber schon was dazu, so persönliche Texte nach außen zu tragen.

Ralph: Ich schrieb immer Texte, die mein Tagebuch waren. Es ist immer kryptisch und metaphorisch, aber sehr emotional. Ich mag selbst nur authentische Musik von Leuten, die es ehrlich meinen. Ich könnte sozialkritische oder auch antireligiöse Texte schreiben – von mir aus auch Texte über Schulbücher – aber das bringt mir nichts. Ich schreibe Texte nur in Momenten, wo es mir extrem schlecht geht. Das passt aber zur Melancholie und Negativität des Black Metal. Die Haupteinflüsse für uns sind eben Black Metal und Dark Wave und dort gibt es immer eine Grundmelancholie.


Wenn du über Schulbücher schreibst, könnten wir euch ab jetzt auch als Educational Black Metal einstufen.

Ralph: [lacht] Oh Gott, ich habe aber noch etwas Schlimmeres. ASH BORER wurden letztens als Thinking Mans Black Metal bezeichnet.

Andy: Den Satz des Thales zu erklären, hätte aber schon etwas für sich. [lacht]


Ralph, deine absolute Lieblingsband ist NEW MODEL ARMY. Ist sie für dich musikalisch so wichtig, oder geht es da eher um die lyrischen Inhalte?

Ralph: Um alle Belange! Diese Band ist für mich das Musterbeispiel für absolute Integrität und Authentizität. Sie waren anfangs Post-Punk und heute sind sie fast Singer/Songwriter oder Pop. Die Texte sind immer zu 100 Prozent ehrlich und Justin Sullivan beschreibt alles hervorragend mit Metaphern. Sie sind das Nonplusultra für mich. Als kleiner dicker Junge in der Musikschule habe ich mit meinem Bass von den Jungs gelernt, wie man Songs richtig aufbaut. Ich spielte die Riffs nach und lernte, warum welcher Part wo vorkommt oder sich wiederholt. Im Endeffekt machen wir es heute genauso. NEW MODEL ARMY sind die wichtigste Band in meinem Leben.


Was ist Black Metal 2017? Welche Essenz steckt darin?

Ralph: Es ist heute ein Trend, dass viele Leute in den Black Metal finden, die niemals damit aufwuchsen. Das führt dann in weiterem Sinne zu vielen Problemen wie dem unseren, von dem wir eingangs sprachen. Es gibt unfassbar viele Ausprägungen, wohl mehr als jemals zuvor und ich finde das gut. Einerseits finden neue Innovationen statt und Grenzen werden eingerissen, andererseits werden sie aber auch aufgebaut, weil die orthodoxen Black Metaller keine Veränderung haben wollen und aktiv dagegen ankämpfen. Ich finde es immer gut, wenn etwas aufrüttelt. Auch eine Band wie DEAFHEAVEN, die ich musikalisch nicht mag, rütteln wach, weil sich viele darüber abkotzen. Freunde von uns wie SUN WORSHIP kriegen so viel Scheiß dafür, wie sie aussehen, aber die Musik ist traditioneller und innovativer als die zehnte MAYHEM-Coverband. Uns selbst geht es um emotionale Authentizität. Wir machen, was wir wollen. Sind auf der nächsten Platte fünf Doomsongs oder fünf Popsongs, dann ist das eben so.


Wird es in absehbarer Zeit einen Nachfolger für euer Album „Converging Sins“ geben? Schreibt ihr bereits an neuem Material?

Chris: Das Songwriting geht bei uns immer sehr schnell, weil Ralph die Grundgerüste erarbeitet und eigentlich permanent und andauernd schreibt. Würden wir es drauf anlegen, könnten wir jede Woche einen Song erarbeiten. Es ist noch nicht in Stein gemeißelt, was wir als nächstes machen wollen, aber wir werden auf jeden Fall an neuen Songs arbeiten. Die Songs für „Converging Sins“ sind für uns schon ziemlich alt und wir sind schon an dem Punkt angelangt, dass wir sie nicht mehr hören und spielen können. [lacht]

Ralph: Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir noch dieses Jahr die dritte Platte aufnehmen.


Und ihr werdet im Herbst wieder touren.

Ralph: Es gibt konkrete Pläne mit einer amerikanischen Band. Der grobe Zeitraum ist abgesteckt, aber wir sind da noch in den Anfangsvorbereitungen. Es wird auf jeden Fall eine Europatour und nach der Split kommt sicher auch weitere neue Musik.

Robert Fröwein

Autor: Robert Fröwein [Froewe] | 29.05.2017 | 20:11 Uhr

Kommentare
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