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Interviewpartner: Steve von Till

Mit „Given To The Rising“ hat sich die unkonventionelle Band NEUROSIS etwas über drei Jahre nach ihrem letzten Studio-Album „The Eye Of Every Storm“ eindrucksvoll wieder zurück gemeldet. Definitiv ein Grund also, um mit Sänger und Gitarrist Steve von Till über das neue Album, die Musikszene an sich, die Live-Aktivitäten der Band und den Stand der Dinge bei den Nebenprojekten der einzelnen Mitglieder zu sprechen. Der charismatische und sympathische US-Amerikaner war im Zuge dessen außerordentlich mitteilungsfreudig, sodass ein ausführliches Interview mit NEUROSIS das Ergebnis ist.




Hi Steve, wie geht’s?

Prima. Danke der Nachfrage.


Euer neues Album „Given To The Rising“ ist jetzt seit circa einem Monat auf dem Markt erhältlich – wie sind denn bis jetzt die Reaktionen ausgefallen?

Die Reaktionen waren bis jetzt überraschend und total super. Wir machen diese Musik nur für uns selbst und wir tun es, weil wir es müssen, weil wir uns dazu getrieben fühlen und weil wir es machen wollen, egal, ob jetzt jemand sie mag oder nicht. Die Tatsache, dass irgendjemand sie so sehr schätzt, ist für uns sicherlich eine Ehre.


Was bedeutet eigentlich der Titel? Hat er eine bestimmte Bedeutung?

Alles, was wir machen, hat eine große Bedeutung für uns selbst. Wir sorgen absichtlich für eine Trennungslinie zwischen dem Persönlichen und dem Preisgegebenen. Ich finde, dass man hineinlesen kann, was man möchte, solange man dazu bereit ist, etwas von sich selbst zu investieren, um eine wirkliche Bedeutung zu erhalten. Für mich selbst hat der Titel damit zu tun, sich selbst dem auszuliefern, wovon man inspiriert wird – was das auch immer sein mag. Und wenn man sich wahrhaftig dem ausliefert, was man tun sollte, was Deine Wesensart ist, im Universum, dann wird man aufsteigen, übergehen und sich zum nächsten Abschnitt weiter entwickeln.


Wie würdest Du „Given To The Rising“ beschreiben, wenn Du es mit den anderen Veröffentlichungen, wie beispielsweise „The Eye Of Every Storm“, vergleichst?

Es ist definitiv ein Schritt nach vorne auf unserer entwicklungsbezogenen Richtung. Wir bewegen uns immer in Spiralbewegungen von dem Zentrum weg, in dem wir diese Reise begannen. Es erforscht viel klangliches Terrain, wo wir vorher noch nicht wirklich waren. Bei den wenigen Kritiken, die ich gelesen habe, ist es ziemlich oft – ich weiß nicht genau, wie ich das genau nennen soll, aber da ist diese Auffassung, dass die Leute sagen: „Wieder in guter Verfassung!“ oder etwas in dieser Richtung. Und ich denke, dass es eine ziemliche faule Äußerung ist. Wenn man wirklich und tiefgründig die Musik anhört, dann erkennt man, dass wir vorher noch nicht so geklungen haben. Das ist ein komplett neues klangliches Gebiet, wie ich schon sagte. Die Leute hören nur die Aggression und die wuchtigen Gitarren und dann fällen sie ein oberflächliches Statement. Die Menge der psychedelischen, intensiven und bizarren Klänge, die Art, wie die Gitarren miteinander agieren, die Art, wie wir alles herausstellen, um allem seinen eigenen Platz zu gewähren, ist sehr wie eine Art Kind von „The Eye Of Every Storm“, wo wir alles minimierten und allem seinen eigenen, zu spielenden Platz innerhalb des Ganzen gaben. Anstelle von allen, die ihren eigenen Teil spielen, sind es viele kleine Versatzstücke, die zusammen kommen, um eine einzige Stimme zu kreieren. Aber in „The Eye Of Every Storm“ wurde dies ein sehr reichhaltiges, sehr offenes, sehr räumliches Stück Musik, während dieselbe Technik im jetzigen Fall ein sehr dichtes, klaustrophobisches und sehr aggressives Gefüge erschuf.


Es klingt ein wenig wie „back to the roots“, wie „Through Silver In Blood“ und „Times Of Grace”, aber auf der anderen Seite erscheint es, wie Du schon sagtest, wie ein weiterer Schritt nach vorne, während dem die beiden Hauptaspekte der Musik genutzt werden: der psychedelische Teil und der sehr wuchtige Aspekt. Fast so eine Art Schnittmenge oder Mittelweg zwischen den beiden?

Vielleicht. Ich weiß nicht, ob es wirklich so eine Art Mittelweg ist. Ich denke, dass wir versuchen, alles, was wir gelernt haben, zu nutzen und weiter nach vorne zu gehen. Und immer etwas ganz Neues zu finden und sich niemals zu wiederholen.


Erzähl doch mal ein wenig über das Cover. Es geht in eine ganz andere Richtung als „The Eye Of Every Storm“ – mit den Statuen, der verhüllten Gestalt und vor allen Dingen dem Pferd im Vordergrund. Ihr habt ja bereits den Wolf auf „Times Of Grace“ genutzt; könntest Du bitte erläutern, warum ihr euch für genau diese Bilder entschieden habt?

Nun ja, als wir mit den neuen Stücken anfingen, realisierten wir, dass wir zurück zu einem starken gefühlsbetonten Bildnis wollten. Es brauchte etwas sehr Spezielles, und es musste klar sein und stark. Es sollte emotional sein. Wir dachten über die Idee eines Pferdes nach, das ein sowohl starkes als auch emotionales Tier ist. Als wir auf der Suche waren, fand Josh, unser Grafikkünstler [Anmerk.: Josh Graham, auch Gitarrist von RED SPAROWES], diese Bilder der Statuen und schickte sie mir und machte so eine Art Collage von grundlegenden Bildern möglicher Darstellungen. Ich erkannte das Pferd sofort, da ich mich für viel europäische Folklore und Mythologie interessiere, und ich wusste sofort, dass dies die Pferde vom Heldenplatz in Budapest waren. Ich war sofort begeistert, da ich diese Statuen sehr schön finde, und ich denke, dass sie sehr intensiv wirken. Aber wir hatten keine guten Versionen der Bilder, also schickten wir Josh mit seiner Kamera nach Budapest, um die Bilder, die wir für das Album brauchten, zu machen. Aber nicht nur das, denn er machte auch einige Videos, damit wir diese dann in die visuellen Aspekte unserer Konzerte integrieren konnten. Und er bereiste auch die ganze Region, um nach anderen Statuen zu suchen, die alle anderen Abbildungen der Cover-Gestaltung ausmachen. Da sind einige Jagdszenen, in denen man totes Wild und Anhäufungen von Geweihen sieht, dann so eine Art verhüllte, mysteriöse Gestalt – und er machte diese ganzen Aufnahmen über ganz Ungarn und Tschechien verteilt, und setzte sie dann in seiner eigenen, generierten Landschaft zusammen. Und das erzeugt fast, wenn man genau hinschaut, eine Art Geschichte, deren Ablauf man sich während dieser schräg klingenden Musik, die wir erschufen, vorstellen kann.


Aber es ist nicht direkt mit den Songs selbst verbunden? Es ist kein umfassendes Konzept?

Die ganze Band ist ein Konzept. Wir müssen uns nicht mehr wirklich Konzepte überlegen, da alles, was wir machen, in den Bereich dieses intuitiven Bauchgefühls und dieser Grundidee fällt.


Wie lief der Aufnahmeprozess ab? Ich habe irgendwo gelesen, dass ihr extrem schnell wart?

Ja, es dauerte sechs Tage – Aufnahme und Mix. Für uns ist das sehr wirklich, wenn wir zurück schauen, wie wir unsere Alben aufgenommen haben: bei „Through Silver In Blood“ fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Aber seit diesem Zeitpunkt haben wir es immer weiter herunter geschraubt, da wir immer vorbereitet und alles gut erprobt ist. Es erscheint so, als ob der Bereich des eigentlichen Aufnahmeprozesses sich immer weiter und weiter davon entfernt hat, was eigentlich gut funktioniert. Die Leute gehen da hin und verbringen so eine lange Zeit im Studio, aber wenn man seine Songs kennt und wenn man seinen eigenen Plan gut kennt, dann sollte man einfach in der Lage sein, hinzugehen, es aufzunehmen und dann ist das erledigt. Und das ist genau das, was wir machen. Wir gehen hin und fertig. Mit Steve Albini brauchen wir uns keine Sorgen darüber machen, ob wir unseren Klang richtig hinbekommen. Wir haben einundzwanzig Jahre damit zugebracht, unseren Klang richtig hinzubekommen. Wir brauchen lediglich jemanden, der es so aufnimmt, wie es ist. Also haben wir alles aufgebaut, er brachte die Mikrophone in Stellung und dann haben wir aufgenommen.


Also war fast alles recht schnell im Kasten?

Nein, es geht nicht darum, ob es jetzt der erste Versuch, der zweite oder der dritte ist. Diese Musik neigt dazu, dass wir uns bei einigen kleineren Fehlern keine großen Sorgen darüber machten, sie auszubessern, da es sich so einfach sehr natürlich anhörte. Weißt Du, die Lieblingsplatten aller Leute – die Scheiben von ZEPPELIN und von SABBATH – wurden alle genau so aufgenommen. Sie wurden einfach ganz natürlich auf Tape aufgenommen und fertig.


Ihr habt auch manche Anteile an Keyboards und fremden Instrumenten ein wenig reduziert. Habt ihr das beabsichtigt? Auf den älteren Alben hattet ihr Violine und auch Dudelsäcke, aber ihr habt das ziemlich zurück gefahren auf den neueren Alben.

Ein Teil dessen lag einfach an der Musik. Es war keine bewusste Entscheidung. Die Musik vermittelt uns, wie die Sounds sein müssen. Du weißt einfach unmittelbar, was passen wird und was nicht. Dieses Mal waren zwar organische Instrumente enthalten, aber mehr als Sample und während der Proben eingesetzt und bearbeitet, im Gegensatz dazu, sie im Studio aufzunehmen. Alles hat aber noch eine organische Quelle, aber wir hatten es alles schon im Vorhinein ausgetüftelt.


Ihr habt auch zwei Ambient-Zwischenteile auf dem Album, die die Leute vielleicht an die Struktur von „Through Silver In Blood“ erinnern könnte. Was ist die Funktion dieser Stücke, „Nine“ zum Beispiel?

Sie halten das Album zusammen. Wir sehen ein Album nicht wirklich als eine Ansammlung einzelner Songs an, sondern als ein fließendes Stück Musik mit verschiedenen Ausrichtungen. Und manchmal braucht man einfach ein wenig Kleber, um das Ganze zusammen zu halten und diesen kontinuierlichen, emotionalen Faden zu haben. Die Tiefen und die Ausschläge, die Flut und die Ebbe. Manchmal braucht man Dinge, um diese Lücken zu überbrücken und alles zu vervollständigen. Wir hatten diese zwei Stücke schon sehr früh während des Komponierens, bevor überhaupt die meisten Songs fertig waren. Und wir wussten, dass sie ein Teil des Albums sein würden. Wir haben sie durch aktives Experimentieren erschaffen. Der eine, „Nine“, ist, zumindest auf der CD, der neunte Titel unseres neunten Albums, und ich denke, es beinhaltet sowohl meine eigene, persönliche Auffassung, was dieses Stück für uns genau im Moment bedeutet, als auch wie es in der nordgermanischen Mythologie eingesetzt wird.


Also gibt es textliche Verbindungen mit der nordgermanischen Mythologie, da Odin beispielsweise neun Tage und neun Nächte lang in dem Baum hing?

Und da gibt es die neun Welten. Den Weltenbaum. Genau.


Du hast auf der HARVESTMAN-Homepage auch angegeben, dass Snorri Sturluson [Anmerk.: Verfasser der sogenannten Snorra-Edda.], ein Einfluss war, sodass da eine ähnlich direkte Richtung erkennbar ist.

Hehe, ja.


Könntest Du einen Einblick in die anderen Texte geben oder ist es Dir lieber, wenn die Leute ihre eigene Interpretation finden?

Ich bevorzuge es immer, den Leuten Raum für ihre eigene Interpretation zu gewähren. Und wir sagen immer, dass wir es nicht in dieser Art von moderner Kunst meinen, wo man sagt: „Oh, wir lassen es offen für Interpretation, und meinen damit, dass es eigentlich gar keine Bedeutung hat.“ Aber es hat eine sehr spezielle Bedeutung. Was wir aber herausgefunden haben, ist: Wenn wir nicht preisgeben, was unsere Erzählung ist, was unsere Geschichte ist, was unsere persönlichen Erfahrungen sind, dann sorgen wir erstens dafür, dass wir Leute nicht dazu anregen, Voyeure, was unser Leben betrifft, zu werden, was sehr unangenehm ist. Und zweitens erfordert es, und ich denke, dass unsere Musik das prinzipiell bewirkt, dass die Menschen sich selbst darin investieren. Wenn Du selbst nichts in unsere Musik mit einbringst, dann wirst Du auch nichts heraus bekommen. Ich meine, dass Du Dein eigenes Leben einbringen musst, um eine Bedeutung zu erhalten. Und das erschafft ein viel stärkeres Element. Es schreckt auch Leute ab. Nicht jeder ist bereit dazu, das zu tun. Und die Leute, die nicht dazu bereit sind, sich so weitgehend einer Musik zu öffnen, die so tief in die emotionalen und geistigen Bereiche vordringt – kein Problem! Sie müssen es nicht. Aber dann werden sie unsere Band auch nicht mögen. Aber wenn sie sich darauf einlassen, dann ist es unendlich kraftvoller.


Was waren eure Gründe, „Given To The Rising“ über euer eigenes Label Neurot Recordings und nicht mehr über Relapse Records zu veröffentlichen? Hattet ihr schlichtweg euren Vertrag erfüllt oder habt ihr euch sicher bezüglich eures Labels gefühlt, um zu sagen: „Okay, wir haben jetzt den Punkt erreicht, wo wir das neue NEUROSIS-Album auf unserem eigenen Label veröffentlichen können?“

Wir haben uns immer auf dem Weg zu diesem Stadium befunden. Das letzte Album „The Eye Of Every Storm“ kam in den Vereinigten Staaten schon über Neurot Recordings heraus, nur in Europa lief das über Relapse. Und das lag daran, dass unser Label immer noch recht neu war. Wir waren immer noch dabei, die verschiedenen Gesichtspunkte zu erörtern. Wir hatten nicht das Gefühl, dass wir die komplette Welt auf einmal angehen wollten. Wir hatten keinen Vertrag mit Relapse. Wir haben es immer genossen, mit ihnen zu arbeiten. Matt Jacobson, der Besitzer, ist ein guter Freund von uns. Also dachten wir, dass es ein guter Weg sei, eine Arbeitsteilung vorzunehmen und ihm quasi Europa noch zu überlassen, da wir einfach noch nicht an dem Punkt waren, es vollkommen richtig zu machen, und selbst aber die Staaten zu übernehmen. Dieses Mal aber, da wir mit den Leuten bei Southern Distribution arbeiten, fühlt es sich wirklich so an, dass wir die richtigen Voraussetzungen haben, die komplette Welt selbst zu betreuen.


Wie fühlt ihr euch in diesem Zusammenhang, was die Arbeit von Major Labels und deren Arbeit anbelangt? Ihr wurdet sicherlich schon öfters von Major Labels angesprochen?

Überraschenderweise gar nicht so. Sie haben uns vielleicht für eine Zeit während „Through Silver In Blood“ umworben, aber niemand hat uns ohne Umschweife das Stück Papier herüber gereicht und gesagt: „Bitte auf der gestrichelten Linie unterzeichnen“. Ich denke, dass Musik, die so aufrichtig ist, die Leute einschüchtert. Ich glaube, sie wussten, dass wir nicht in der Lage sein würden, das Spiel mitzuspielen.


Und ihr habt vielleicht keine Ambitionen gehabt, die Kontrolle über das Artwork oder die Songs zu verlieren?

Absolut richtig. Aber gleichzeitig hört man auch von vielen Bands, die bei Major Labels unterzeichnen und trotzdem ihr Maß an Kontrolle beibehalten. Wir mussten aber niemals diese Entscheidung fällen.


Wie viel Arbeit erfordert eigentlich Neurot Recordings und wie viele Band-Mitglieder sind da involviert, oder ist es die komplette Band?

Nun ja, wir leben sehr weit voneinander entfernt. Das Label ist bei mir zuhause beheimatet und eigentlich macht meine Frau Kristin von Till die ganze harte Arbeit. Sie leitet das Label, hat mit der Produktion, mit der Werbung und mit vielen Leuten, die ihre verschiedenen Aufgaben machen, zu tun und überwacht das alles. Es ist wirklich eine One-Woman-Show. Unsere Aufgabe dabei sind die künstlerischen Entscheidungen. Wir haben alle ganz normale Jobs und wir sind ganz einfach nicht qualifiziert genug, selbst eine Plattenfirma zu leiten, haha. Wir gehen vor die Tür und erledigen unsere andere Arbeit.

Von der Musik könnt ihr also nicht leben?

Nein … nein.


Wie funktioniert das im Normalfall, wenn ihr anfangt, neue Songs zu schreiben? Gibt es da ein Rezept oder sammelt jeder die eigenen Ideen und dann schaut ihr, was passiert, wenn ihr diese zusammentragt?

Es geschieht auf viele verschiedene Arten. Manchmal kommen sie durch Jam Sessions zustande, wie jetzt – ich bin gerade in Kalifornien mit den anderen und wir proben, um dann morgen nach Europa zu fliegen. Und wenn wir mit unserem Set durch sind, dann testen wir für gewöhnlich noch ein paar neue Ideen und nehmen sie auf und lassen sie eine Weile reifen. Zu anderen Zeiten kommen die Ideen von einem bestimmten Klang oder Laut oder Rhythmus, einem Gitarren-Riff oder einer Serie von Gitarren-Riffs. Was wir dann machen, ist, ständig auf verschiedene Arten zusammen zu kommen. Manchmal ist es im Studio bei Proben, manchmal an stilleren Plätzen, wo wir es eher ruhiger diskutieren, und wir schicken Ideen hin und her. Es ist ein vielschichtiger Prozess. Manchmal passen die Dinge sofort zusammen, als ob sie wie durch Zauberkraft einfach von allein entstehen. Und manchmal muss man etwas immer und immer wieder zerstören, bis es seine wahre Form annimmt.


Worüber ich mich schon eine ganze Weile gewundert habe, und es hat nichts mit dem neuen Album zu tun, ist, warum Dave [Anmerk.: Edwardson, Bass und Moog] gesanglich nicht mehr involviert ist? Früher habt ihr euch das zu dritt geteilt, aber ihr habt damit aufgehört.

Es kam uns so vor, dass es nicht zu den neuen Songs passen würde. Wir machen einfach, was die Songs erfordern.


Du hast vorhin die Konzerte in Europa erwähnt. Ihr seid nun schon länger nicht mehr auf ausgedehnten Konzertreisen gewesen, um euch mehr der Musik an sich zu widmen. Ihr kommt zwar jetzt für vier Konzerte in Frankreich, Norwegen, Schweden und England nach Europa, aber ihr habt an dieser Grundidee in der Zwischenzeit nichts geändert, oder?

Nein. Wir waren damals einfach jünger, als wir das so machten. Und irgendwann kam der Punkt, wo wir das realisierten – wie ich schon sagte: wir haben niemals von der Musik leben können, und es gibt nicht wirklich viele Jobs, die tatsächlich lohnenswert sind und die einem dann obendrein noch die Möglichkeit gewähren, so viel Zeit frei zu nehmen. Also entschieden wir uns, ich glaube 1999, dass wir keine guten Väter sind, dass wir finanziell gesehen für unsere Familien nicht die Verantwortung übernehmen können, obwohl wir die Band so intensiv betrieben haben. Ich meine, wir haben echt eine Menge geopfert. Und eine Menge Leute aus unserem Umfeld haben sehr viel geopfert. Wir haben dann einfach beschlossen, dass das Touren einfach nicht mehr so lohnenswert war wie damals, als wir noch jünger waren. Und jetzt wollen wir es nur noch machen, wenn es sich gut anfühlt. Wenn es sich mit unseren Leben vereinbaren lässt. Wenn es etwas Spezielles sein kann. Weißt Du, wir sind kreative Menschen, aber wenn Du auf Tour bist, kannst Du ganz einfach kein kreativer Mensch sein. Du kannst die Songs zwar vor anderen Leuten für eineinhalb Stunden aufführen, aber die anderen 22,5 Stunden des Tages bist Du total überflüssig und sitzt in einem Bus oder Backstage. Du siehst noch nicht mal die Orte, wo Du Halt machst. Es ist ziemlich frustrierend. Wir haben es genossen und bereuen da auch gar nichts. Wir hatten eine echt tolle Zeit, aber wir sind jetzt weit über die tausendste Club-Show hinaus, und wir haben nicht mehr das Bedürfnis, deswegen jetzt extra unsere Leben zu ruinieren. Wenn es Sinn ergibt, wenn wir alle von unseren jeweiligen Jobs gleichzeitig freibekommen können, dann denken wir uns: „Hey, im November wäre Zeit vorhanden. Lasst uns doch irgendwo spielen! Wo sollen wir hinfahren?“


Welche Songs werdet ihr eigentlich live spielen? Du hast vor einer Weile mal gesagt, dass ihr aufgrund der eingestellten Touraktivitäten nicht mehr darüber nachdenken musstet, wie diese eigentlich live realisierbar sind, und dass es half, an den Songs zu arbeiten. Welche der Songs lassen sich also am besten umsetzen?

Weißt Du, das ist ganz witzig, da dieses Statement eher so eine Art Theorie ist, die in unseren Köpfen herumspukte, als dass es dann wirklich so war. Die Wirklichkeit ist aber, dass wir immer noch unsere Songs prinzipiell live aufnehmen, weil das einfach die Art ist, wie wir sie komponieren. Wir spielten eher mit der Idee herum, dass wir dann in der Lage wären, Musik zu erschaffen, die so experimentell ist, dass wir uns über den Live-Aspekt keine Gedanken mehr machen müssten. Aber das ist nicht eingetreten. Wie ich sagte, das komplette neue Album wurde live aufgenommen, im Prinzip. Somit können wir es also komplett umsetzen. Wir werden vier neue Songs im Set haben, und bei einem NEUROSIS-Set ist das ja fast die Hälfte.


Ihr habt auch an dem niederländischen Roadburn-Festival im April teilgenommen. Wie ist da Dein Eindruck und wie fandest Du das Festival?

Es ist mit Sicherheit das beste Festival, auf dem ich jemals war. Die Leute sind so bemüht und so hilfsbereit und sind so engagiert bei dem, was sie machen. Die ganzen Helfer und besonders Walter, der sich wirklich unglaublich bemühte, um sicher zu stellen, dass wir einen angenehmen Aufenthalt haben und dass wir genau das, was wir machen wollten, genau so machen konnten, und zwar ohne Kompromisse eingehen zu müssen.


Eine eher allgemeine Frage: Wie beurteilst Du momentan die Post-Rock- oder Post-Core-Bewegung, oder wie man sie auch immer nennen mag? Viele der Bands bringen da Scheiben mit dem Slogan oder mit dem Sticker „Klingt nach NEUROSIS, ISIS, CULT OF LUNA, PELICAN“ heraus, und auf der einen Seite scheint dies zwar oft genutzt zu werden, aber auf der anderen Seite wird es auch ein wenig überstrapaziert, da leider auch viel Mittelmaß veröffentlicht wird. Wie denkst Du da über dieses Genre oder über bestimmte Bands nach?

Aus der Perspektive von NEUROSIS waren wir eigentlich immer diejenigen, die außen vor standen, in ihrer eigenen Ecke, in ihrer eigenen Welt. Wir bleiben also ziemlich isoliert von dieser ganzen Geschichte. Ich höre eher die Leute darüber reden, als dass ich daran teilnehme. Wenn Du seit einundzwanzig Jahren dabei bist, dann hast Du diese Sachen sehr oft kommen und gehen sehen. Alle drei oder vier Jahre werden wir anscheinend in eine andere Kategorie von Musik eingeordnet, die wohl von Journalisten erschaffen wird, vermute ich. Und diese Dinge verschwinden wieder, und dann werden wir wieder in eine andere Kategorie gesteckt, und dann verschwindet das wieder. Mit der Zeit wird das Ganze bedeutungslos. Ich sehe jede Band eher einzeln und für sich selbst. Und wenn die Leute uns als einen Einfluss nutzen – nun ja, es ist, wie schon erwähnt, selbstbezogene Musik, wir machen es für uns selbst. Wenn unsere Musik einen jüngeren Menschen dazu bewegt, eine Gitarre in die Hand zu nehmen oder eine Band zu gründen oder sich künstlerisch zu verwirklichen, dann ist das irgendwie eine großartige Sache. Falls unsere Band ganz speziell andere Bands beeinflusst hat, dann hoffe ich, dass es der gleiche Weg ist, wie unsere Helden uns inspiriert haben, und das ist, Deine eigene Stimme zu finden und originell, emotional und intensiv zu werden. Und das zu machen, ohne darüber nachzugrübeln, was sonst irgendjemand darüber denkt. Ich hoffe, dass das unser Vermächtnis sein wird.


Auf der einen Seite sagt ihr also, dass es rein selbstbezogen ist und dass ihr die Musik für euch selbst macht, aber auf der anderen Seite seid ihr doch sicherlich auch stolz darauf, wenn ihr als ein Haupteinfluss genannt werdet und dass es ein Vermächtnis der Band geben wird, ganz davon abgesehen, wie lange die Band noch bestehen wird?

Ja, ich meine, man muss schon zugeben, dass sich der Ego-Ansatz gut anfühlt, haha. Darüber stehen wir auch nicht. Es fühlt sich gut an, dass die Leute uns sehr schätzen, und das ist eine große Ehre. Zu diesem Zeitpunkt, wenn wir Presseartikel lesen, dann ist oft der erste Absatz des Reviews so geartet, dass wir fast so eine Art legendären Status verpasst bekommen. Es lässt uns manchmal darüber nachdenken, ob wir mit dem, was wir gemacht haben, tatsächlich – eines der Dinge, als wir bemerkten, dass unserem persönlichen Bedürfnis, uns auszudrücken, Aufmerksamkeit entgegen gebracht wurde, war, dass wir sichergehen müssen, dass es kulturelle Bedeutung haben muss. Es muss sein Gewicht in Plastik wert sein, haha. Es gibt so viel Musik auf der Welt, von der sehr viel meiner Meinung nach eine Verschwendung an Material ist. Und ich möchte sichergehen, dass wir keine Verschwender von Material sind. Viele der alten Sagas und die Edda sagen, dass der einzige Wert eines Mannes sein Name ist, nachdem er fort gegangen ist – seine Taten, sein reiner Name. Und wenn wir also Taten zurücklassen, an die sich unsere Kinder erinnern können und auf die sie stolz sein können, dann erfüllt das unsere Herzen mit Freunde.


Denkst Du manchmal darüber nach, das ist jetzt rein hypothetisch, was vielleicht passiert wäre oder wo Du jetzt wärst, wenn Du nicht vor über zwanzig Jahren mit NEUROSIS angefangen hättest. Scott [Anmerk.: Kelly, Gitarre und Gesang] hat neulich in einem Interview ziemlich direkt und ehrlich gesagt, dass er sonst vermutlich gar nicht mehr unter den Lebenden weilen würde?

Ich kann mir ehrlich gesagt kein anderes Leben vorstellen oder wie das vielleicht wäre. Es ist mein gesamtes Leben als Erwachsener gewesen und ich habe echt keine Ahnung. So viele Sachen würden ganz anders sein. Ich hätte niemals die Leute getroffen, die ich um mich habe und die meine besten Freunde sind. Ich hätte nicht meine Frau getroffen oder meine Kinder bekommen. Das Leben wäre schlichtweg ein komplett anderer Weg gewesen. Und das ist der Punkt, wo man anfängt, darüber nachzudenken, ob es nicht etwas gibt, das größer ist als Du und das in der Welt agiert; wenn Schicksal im Prinzip so sehr einem mathematischen Wunder gleichkommt. Was, wenn Du rechts anstatt links an einem bestimmten Tag gehst? Was ist, wenn Du nicht zu diesem einen Konzert gehst, wo Du diese Person triffst? Ich finde, da sind so viele kleinere Entscheidungen in Deinem Leben, die Dich genau da hinleiten, wo Du jetzt bist. Es ist ziemlich überwältigend, darüber nachzudenken.


Gibt es erneute Ideen für eine kombinierte Veröffentlichung von NEUROSIS und TRIBES OF NEUROT? Ihr habt „Grace“ als Ergänzung zu „Times Of Grace“ und die begleitende und experimentelle Seite von „A Sun That Never Sets“ heraus gebracht. Gibt es da vielleicht Pläne?

Nun ja, wir wollten das gleiche Experiment nicht wiederholen. Es ist schon verlockend, das nochmal zu machen, da es eine sehr lohnenswerte Erfahrung war. Wir haben TRIBES OF NEUROT in letzter Zeit separat behandelt, um andere Techniken für gleiche emotionale Ansätze zu verwenden. Derzeit arbeiten wir aber nicht an einem Projekt.


Da wir gerade über Projekte reden: Ihr habt ja fast alle noch eigene Projekte am Start, wie beispielsweise BLOOD & TIME, die gerade am zweiten Album arbeiten. Du hast vor einer Weile die HARVESTMAN-CD veröffentlicht, die mehr die Folk-Aspekte von NEUROSIS erforschte. Gibt es diesbezüglich Neuigkeiten?

Nun, es passiert immer recht viel. Ich habe mein drittes Solo-Album bereits abgeschlossen.


Wann wird das herauskommen?

Ich weiß noch nicht so genau. Es hängt davon ab, das Artwork genau richtig hinzubekommen. Ich habe es schon seit einer ganzen Weile fertig, aber ich stoße immer wieder auf Hindernisse bezüglich des Artworks, und ich bin unzufrieden damit. Das sollte vielleicht im Frühling soweit sein. Und dann hatte ich mit HARVESTMAN einen Soundtrack für einen italienischen Film [Anmerk.: Es handelt sich um den Psycho-Thriller „Hate 2 O“] gemacht, und Neurot Recordings wird eine limitierte Veröffentlichung dieses Soundtracks heraus bringen. Dies ist wiederum das perfekte Spiegelbild meiner Vorlieben für traditionelle folkloristische Elemente, sowohl musikalisch als auch die Mythologie selbst, gemischt mit extrem psychedelischen, abgedrehten Gitarren und psychedelischem Home-Recording.


Wie sieht die Zukunft für NEUROSIS aus – als abschließende Frage? Gibt es irgendwelche festen Pläne, abgesehen von den Konzerten in Europa nächste Woche?

Wir reden inzwischen schon über die nächste Veröffentlichung. Wir schauen da eigentlich immer in die Zukunft voraus.
Danke für Deine Zeit, Deinen Aufwand, die guten Fragen und dafür, eine Plattform zu bieten, um den Leuten nahe zu bringen, worum es bei uns geht.


Ich habe zu danken, Steve. Viel Erfolg mit den Konzerten und alles Gute.

Danke. Passt auf euch auf. Bye Bye.

soulsatzero

Autor: Alexander Eitner [soulsatzero] | 22.06.2007 | 00:03 Uhr

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