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Reviews von Steven Wilson
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Band: Metalnews nach 'Steven Wilson' durchsuchen Steven Wilson
Interviewpartner: Steven Wilson

Steven Wilson gehört zweifellos zu den größten musikalischen Genies der Gegenwart. Er hat das weitläufig als "modernen Prog Rock" erfasste Genre des Öfteren revolutioniert, ohne dabei mit dem Wort "Prog" konnotiert werden zu wollen. Er liebt geradlinige Popmusik, sieht die Zukunft für den Rock mehr als düster und verwaltet als Mixer legendärer Kultalben das schwere Erbe musikalisch-legendärer Vergangenheit. Wir haben uns mit dem sympathischen und besonnenen Mastermind zwei Klappstühle geschnappt, und bei Sonnenschein und guter Laune neben dem Wiener Gasometer über Gott und die Welt palavert. Mit wem könnte man das schließlich besser, als mit einem der intelligentesten und reflektiertesten Köpfe der gesamten Zunft? Eben - viel Spaß!




Steven, wir haben schon mal über deine ambivalente Position zum Terminus „Prog“ gesprochen und nicht alle wissen, dass du auch ein großer Fan von Popmusik bist. Was sind deine fünf „Guilty Pleasures“?

Ich glaube nicht, dass es „Guilty Pleasures“ gibt, denn wenn du etwas liebst, solltest du dich nicht schuldig dafür fühlen. Ich wuchs in einem Haus auf, wo meine Eltern wunderschöne, hervorragend produzierte Popmusik von ABBA, den BEE GEES oder den CARPENTERS hörten. Das sind Klassiker, die sind unerreichbar. Ich habe mal mit einem Journalisten eines anderen Metalmagazins gesprochen und als ich als meine größten Einflüsse PINK FLOYD und ABBA nannte, begann er zu kichern. Er glaubte wohl, ich scherze, aber dem war nicht so. „The Dark Side Of The Moon“ oder ABBAs „Arrival“ sind unerreichbare Musikklassiker. Die neueren Pop-Songs werden immer als kitschig bezeichnet, aber sie haben auch keine so hohe Wertigkeit mehr für die Musikhistorie. ABBA machte phänomenale Musik, deshalb kann ich so etwas nicht als „Guilty Pleasure“ bezeichnen. Mich kann auch moderne Popmusik noch mitreißen. DAFT PUNKs „Get Lucky“ ist ein gutes Beispiel für einen Song, von dem ich süchtig werden kann – gleichzeitig höre ich mir oft eine Box voll japanischer Noise-Musik an. Für mich gibt es nur einen Unterschied zwischen Musik: die, die ich mag und die mich berührt und eben die, die mich nicht berührt.


Viele Menschen sind auch der felsenfesten Überzeugung, dass der 70er-Pop wesentlich intensiver war und zudem noch mehr Atmosphäre aufwies als der gegenwärtige.

Das ist aber generell so. Denk nur an die Rockmusik. Das ist auch ein Problem des Digitalismus. Es ist heute so einfach, mit digitalen Hilfsmitteln Musik zu kreieren. Die ganzen Schwächen, Fehler, die Unvollkommenheit von Musik ist verschwunden. Die Blaupausen für alles was später folgte, also Alben von den BEATLES, den ROLLING STONES oder LED ZEPPELIN, sind voller Fehler, ungewünschter Klänge und oft auch schlecht produziert. Aber die Alben haben eine gewisse Magie. Diese Magie findest du im modernen Pop- oder Rockbereich kaum mehr. Die Musik ist maschinell und verliert ihre Seele. Da ich mittlerweile einen gewissen Status in der Musikindustrie habe, gibt es viele junge Bands, die mir Demos zustecken und sich selbst als Progressive Metal bezeichnen. Alle klingen komplett gleich, haben den total gleichen Gitarrensound. Die Gitarren und Drums sind tight, weil sie alles perfekt am PC geschnitten haben. Irgendwann wird das einfach unendlich fad, weil es nicht mehr nach menschlicher Musik klingt. Das ist ein Problem der Menschheit, das weit über die Musik hinausgeht. Die ganze Kommunikation der Menschen wird immer digitaler und das ist nicht das, für das die menschliche Rasse eigentlich da ist. Ich denke nicht, dass wir dafür hier sind. Mein letztes Album „Hand. Cannot. Erase.“ streift dieses Thema auch. Deshalb will ich auch keinen Unterschied zwischen Pop- und Rockmusik machen, weil die modernen Sachen für mich alle nach Computer und nicht nach Mensch klingen. Natürlich gibt es Ausnahmen, ich will nicht pauschalisieren. Aber ja, moderne Pop- und Rockmusik ist wesentlich beliebiger.


Ich weiß nicht, ob du die Chartmusik verfolgst, aber es gab eine Band oder einen Künstler in den Charts, der dich doch erwischt hat. In dessen Sound du reingekippt bist?

„Get Lucky“ hab ich schon gesagt – das ist zwar auch mehr als zwei Jahre her, aber das ist einer der besten Popsongs überhaupt. Der Sound ist ziemlich retro, weil er stark nach den 70ern klingt, aber trotzdem mit modernem DAFT PUNK-Sound. Die Jungs sind aber auch schon in ihren 40ern und das erschreckt mich immer wieder, weil die gute Popmusik, die ich heute höre, ist von Leuten gemacht, die nicht mehr so jung sind. Das sollte aber nicht so sein, denn die große revolutionäre Musik in den 70er- und 80er-Jahren kam von 20- bis 25-Jährigen. Leute wie NEIL YOUNG oder SCOTT WALKER sind um die 70 und machen die aufregendsten Songs ihrer Karriere. Ich hoffe natürlich, dass das bei mir auch mal so sein wird. [lacht] Ich bin jetzt in meinen 40ern und merke, wie ich mich entwickle und alles was die Kids heute machen, ist verdammt fad. Selbst KANYE WEST ist ja schon fast 40 – oder das letzte BOWIE-Album. Oh mein Gott, was für ein Werk! Und das mit 68.


Glaubst du, dass die jungen Musiker heute auch zu faul sind, um sich um einen neuen, frischen Zugang zu Musik zu kümmern?

Ich glaube sie sind einfach nicht neugierig genug, um sich neue Territorien zu erarbeiten und die Technologie heute macht es dir einfach zu leicht, nach den eigenen Helden zu klingen. Wenn du heute aufwächst, hast du YouTube, Spotify und andere Plattformen, bei denen es sehr leicht ist, deinen Kopf mit der Musik anderer Menschen zu füllen. Umso leichter ist es, diese Musik schlecht zu kopieren. Früher war die Musikgeschichte einfach nicht so leicht verfügbar. Du musstest dein Taschengeld sparen, um Platten zu kaufen und das war oft auch sehr riskant, weil du nicht wusstest, was du kriegst und nach dem Artwork urteilen musstest. Oder jemand deiner Lieblingskünstler hat die andere Band erwähnt. Ich weiß noch, als ich mein erstes CAPTAIN BEEFHEART-Album kaufte und es hasste, aber je öfter ich mich darauf einließ, umso stärker verstand ich, was mir die Band mit dem Werk sagen wollte. Du hattest damals nur einen eingeschränkten Bereich, zu Musik zu kommen. Wenn ich heute genau gleich wie James Hetfield klingen will, dann kaufe ich mir um 20 Mücken ein Plug-In und es gibt keinen Unterschied mehr. Für ein paar Mücken kann ich mir auch Download-Samples besorgen und nach KANYE WEST klingen – das alles ist ein riesiges Problem. Es geht einfach nichts mehr weiter und die Kunst reproduziert sich. Früher musstest du ein eigenes musikalisches Vokabular finden, weil du einfach keinen Vergleich mit anderen hattest. Alles war mysteriöser und spannender. Du kannst heute die Jeanny nicht mehr zurück in die Flasche packen, in diesen Zeiten leben wir nun einmal, aber die jungen Musiker müssten einfach Wege finden, sich von ihren Einflüssen zu emanzipieren und etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Anders wird es nicht gehen.


Du bist als jemand bekannt, der sich mit jedem Album selbst neu erfindet und sich niemals wiederholt. Wenn du jetzt an neuen Songs schreibst und merkst, dass dieses oder jenes Lick, dieser oder jener Riff, vielleicht schon mal da war – wirfst du den Gedankengang dann sofort weg?

Ja, die meiste Zeit schon. Ich hasse es, mich zu wiederholen und wenn ich merke, dass ich mich selbst langweile, dann muss ich schnell was ändern. Ich schrieb sehr viel Musik für jedes Album, das mir zu stark nach bereits Gemachtem klang, aber je länger du im Business bist, umso schwieriger wird es. Man sucht immer nach neuen Perspektiven – so geht es mir zum Beispiel gerade derzeit. [lacht] Ich weiß, dass „Hand. Cannot. Erase.“ ein verdammt erfolgreiches und beliebtes Album war, aber das wird es in der Form nicht wieder geben. Deshalb mochte ich BOWIE, ZAPPA oder MILES DAVIS immer – sie haben sich stets selbst überrascht. Natürlich ist eine Band wie AC/DC, die seit fast 50 Jahren das gleiche Album einspielt, gut und erfolgreich, aber ich selbst würde damit nicht glücklich werden. Es ist eine Art von Fluch, den ich mir aber selbst auferlege und den ich auch genießen kann.


Du hast schon mehrmals leicht anklingen lassen, dass dein nächstes Album ein elektronisches werden könnte…

Ich würde das nicht so sagen, es wird sicher immer noch ein Rockalbum sein, aber als ich erstmals anfing, mit analogen Synthesizern zu arbeiten, merkte ich, dass es eine elektronischere Richtung nehmen könnte. Ich habe diese Musik immer geliebt und das letzte Lied, das ich für mein aktuelles Album geschrieben habe, war „Perfect Life“. Der Song ist auch schon sehr elektronisch, aber ich denke er hat immer noch die Qualität der Emotionen, die auch andere Arten von Musik ausstrahlen. Er ist melancholisch und nostalgisch, aber in eine andere musikalische Ära gehoben. Ich sah das als eine Art Startschuss für etwas Neues, aber es wird ein Rockalbum sein. Ich weiß noch nicht wie es wird, aber es wird wieder anders. Es muss auch anders werden, denn sonst würde ich es nicht veröffentlichen. [lacht]



Der berühmte französische Electro-Pionier JEAN-MICHEL JARRE hat unlängst seine beiden „Electronica“-Alben veröffentlicht, wo er unheimlich viele bekannte Musiker aus allen Genres eingeladen hat. Wäre das auch für dich ein Thema?

Auf jeden Fall. Ich liebe es, mit anderen Musikern zu arbeiten. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich überhaupt Musiker bin. Ich habe schon in den vergangenen Jahren viele Musiker durch meine Remixing-Aufgaben getroffen und es machte mir immer irrsinnig viel Spaß mit Ian Anderson oder anderen abzuhängen. Was ich an den JARRE-Alben mag ist, dass er mit Musikern von früher und von heute zusammenarbeitet. Ich bin wirklich ein großer Fan von ihm. Ich brauche einfach einen bestimmten Standpunkt für so ein Projekt, bei JARRE ist es eben der politische. Ich würde gerne etwas machen, was die Leute überhaupt nicht von mir erwarten würden.


Gibt es eigentlich eine Art von Musik, die du überhaupt nicht aushältst? Es wirkt ja so, als ob du wirklich in jedem Genre etwas Schönheit für dich rausfinden würdest.

Ich mag keine schlechte Musik. [lacht] All diese Genres sind für mich nicht relevant. Ich glaube nicht, dass du ganz offen sagen kannst, du würdest Metal, Country oder Hip Hop mögen. Magst du jeden Metal? Gibt es nichts im Metal, dass du scheiße findest? Diese Genre-Idee ist für mich sehr eigenartig. Ich weiß aber schon, was du meinst, keine Sorge. Wenn ein Song gut ist und mich berührt, dann mag ich ihn. Egal aus welchem Genre, so viel Kapazität habe ich, um das so aufzunehmen. Ich höre nicht viel Country oder Reggae, aber selbst da mag ich gewisse Alben. Ich würde aber kein Genre einfach nur wegen des Genres ausschließen.


Je älter man wird, umso offener wird man anderen Stilen gegenüber – das ist wohl bei fast jedem dasselbe…

Als Kid bist du sicher der größere Snob – das war bei mir nicht anders. Im Normalfall entwickelt sich dann jeder und wenn nicht, dann, sorry, stimmt irgendwas nicht mit dir. Ich treffe manchmal wirklich alte Fans von mir und die sagen mir dann immer, dass sie nur 70s-Progressive-Rock hören. Wirklich? Euer Ernst? Ihr habt euch von YES, GENESIS und KING CRIMSON nicht weiterentwickelt? Die Bands sind natürlich großartig, aber ich finde das sogar etwas traurig. Andererseits ist es auch so, dass du automatisch etwas weniger in neuer Musik interessiert bist, wenn du älter wirst. Wirfst du mir jetzt den Namen TAYLOR SWIFT hin, dann weiß ich zwar, wer das ist, aber ich könnte dir keinen Song sagen und würde auch nicht sofort nach einer Nummer suchen. Das hängt einfach mit dem Gehirn zusammen – wenn du jung bist, ist es wie ein Schwamm und saugt alles auf. Ich kämpfe da aber gegen das Abgestumpftwerden an.


Es ist aber auch schwierig, guten jungen Bands zu folgen, weil es durch das Internet zu viele gibt und man sich schnell darin verliert und dadurch genervt wird.

Sie kämpfen auch alle um dasselbe Publikum, das aber nicht unbegrenzt aufnahmefähig ist. So viele klingen total gleich, es gibt keine Unterschiede mehr. Einen „Wow-Effekt“ hat man heute wirklich kaum mehr, aber es gibt ihn glücklicherweise doch manchmal. Solange es diesen Effekt gibt, werde ich auch weiterhin proaktiv nach neuer Musik suchen und mich dafür interessieren.


Am Ende deiner Band PORCUPINE TREE hast du auch gesagt, dass du mit dem „Metal-Zeug“ im Prinzip durch wärst.

In dem Moment war das so, ja. [lacht]


Es gibt also auch im Metal noch Dinge, die für dich aufregend und spannend sind?

Es ist heute überhaupt nichts mehr so evolutionär wie es früher einmal war. Wenn du evolutionär sein willst, dann geht es um den Weg deiner Karriere und nicht zwingend um die Musik an sich. KANYE WESTs Musik ist auch nicht revolutionär, aber er forciert seine Karriere auf revolutionärem Weg. Er vermarktet sich einfach genial und sucht neue Territorien, um sich einen Namen zu machen. Man kann Musik aber immer noch mit einer sehr starken Persönlichkeit in Verbindung setzen. Das ist das Problem, dass ich mit moderner Musik habe – sie hat einfach keine Persönlichkeit. Es ist nichts mehr einzigartig. THE SMITHS waren damals auf dem Papier eine ganz einfache Indie-Band, aber MORRISSEY war ein Typ, der einfach einzigartig war. Er war ein richtiger Charakter – wo findest du die heute noch? Ich bin kein großer Fan der Stimme von OZZY OSBOURNE, aber sie ist einzigartig und unvergleichbar. Ich finde heute keine Band mehr, auf die das zutrifft.


Was sicher auch damit begründbar ist, dass große Labels ihre jungen Talente oft gerne in eine sicher zu verkaufende Rolle drängen und damit Eigenständigkeit unterbinden.

Das sehe ich anders, weil wir heute in einer Welt leben, wo du nicht mehr den konventionellen Weg einer Musikkarriere gehst und keine großen Labels mehr brauchst, um dich zu vermarkten und zu verkaufen. Du kannst sowieso keine Alben mehr verkaufen und gerade deshalb wundert es mich, dass nicht mehr Revolutionäres erscheint. Die Musikindustrie ist sowieso tot und eigentlich müssten all die jungen Musiker da draußen eine „Fuck You“-Attitüde mitbringen. Jeder könnte machen was er will, niemand müsste mehr Rücksicht nehmen. Der Tod der Musikindustrie sollte eigentlich auch befreiend sein. Vergiss auf eine Karriere, vergiss es, Millionen von Alben zu verkaufen – spiel einfach deine Musik. Warum höre ich nicht mehr einzigartige Musik? Kennst du zum Beispiel SUNN O))))?


Natürlich. Sie spielten sogar einmal einen ganz beeindruckenden Gig in der Kremser Minoriten-Kirche.

Grandios. Und die sind auch in ihren 40ern. Da sind wir wieder bei diesem Thema. Diese Band schert sich einen Dreck um den kommerziellen Mainstream und wir brauchen mehr dieser Bands und Musiker. Vielleicht gibt es aber auch total einzigartige, bahnbrechende Rockbands da draußen, die ich bislang einfach nicht gehört habe, wo es meine Schuld ist, dass ich sie noch nicht kenne – das kann natürlich auch sein. Hast du Tipps für mich? [lacht]




Es gibt immer Bands, die es wert sind, entdeckt zu werden. Check mal die Kanadier THE DIRTY NIL aus – deren aktuelles Album hat mich weggeblasen, auch wenn sie natürlich nicht das Rad neu erfinden.

Das versuchte ich vorher zu sagen – du kannst die Musik nicht mehr komplett umgraben, das ist unmöglich. Die Musik an sich ist sehr etabliert, aber du kennst es so machen wie THE SMITHS oder NIRVANA. Für mich war NIRVANA der wichtigste Teil der letzten großen Rock-Musikbewegung, dem Grunge, was jetzt auch schon wieder 25 Jahre her ist. NIRVANA ist eine konventionelle Heavy-Metal-Band, aber dann auch doch nicht. Etwas an Kurt Cobains Persönlichkeit, seiner Stimme und seinen Zugang zu den Texten machte die Band frisch. Wenn du das Projekt NIRVANA aber analysierst, ist es ein dickes Paket verschiedener Klischees oder nicht?


Der kompositorische Zugang ist aber schon ein anderer als beim Heavy Metal.

Okay, ich hätte vielleicht Heavy Rock sagen sollen, nicht Heavy Metal. Drei Mann, Gitarre, Bass, Drums und kein Song von ihnen war von der Struktur oder der Umsetzung neu – all das gab es in anderer Form schon mal davor. Dennoch hat die Band irgendetwas total frisch wirken lassen. „Smells Like Teen Spirit“ hätte auch ein METALLICA-Song sein können – das dachte ich beim ersten Hören sogar.


Der OFFSPRING-Hit „Self Esteem“ und viele andere Songs folgen auch dem exakt selben Riff wie „Smells Like Teen Spirit“.

Das kann gut sein, die Nummer kenne ich gar nicht. „Come As You Are“ war ein Rip-Off von KILLING JOKE. Aber irgendwie hat es diese Band geschafft, ihre Einflüsse zu transzendieren und dadurch eigenständig zu werden. Und genau das höre ich derzeit nicht im Musikgeschäft. Aber gut – wie gesagt bin ich auch älter geworden und möglicherweise nicht mehr so aufmerksam wie früher. [lacht] Doch je mehr ich mich sorge, selbst vielleicht zu wenig zu hören, desto öfter sagen mir Freunde und andere Leute, dass ich tatsächlich nichts verpasse. Auch Musikjournalisten können mir kaum Tipps geben.


Die jüngste Rockband in Europa, die mittlerweile größere Festivals headlinen kann, sind VOLBEAT, die es 15 Jahre gibt. Danach kommen schon die FOO FIGHTERS und die sind schon älter als 20.

Ich sah vorher das Poster zum „Rock In Vienna“-Festival und jedes dieser Zugpferde ist mindestens schon seit 15 Jahren auf Tour. Die Rockmusik ist das allererste Mal daran gescheitert, sich selbst wieder neu zu erfinden. Normalerweise passierte diese Wiedererfindung sonst spätestens in Zehn-Jahres-Schritten. Wir hatten Psychedelic, dann den Punk, dann Glam Rock, dann kam Hair Metal, der Grunge und als letztes noch der Nu Metal mit KORN und diesen Bands. Aber seitdem passierte einfach nichts mehr Besonderes.


Du hast in einem Interview einmal betont, dass du dein Leben bewusst auf die Musik ausgerichtet und gar keine Zeit für eine Familie hast. Gab es einmal einen Moment, wo du diese Entscheidung bereut hast?

Jede Entscheidung in einem Leben hängt ein bisschen mit Bereuen zusammen. Du lebst nur einmal und musst in dieser Zeit immer wichtige Richtungsentscheidungen treffen. Ich habe noch nie eine Entscheidung bereut, weil ich sie immer bewusst traf. Was ich aber schon bereue ist, dass man bei einer Entscheidung oft viele andere Optionen unwiderruflich schließen muss. Könnte ich fünf Leben leben, würde ich auch fünf verschiedene Entscheidungen treffen – aber das geht nun einmal nicht. Ich mag außerdem nicht unbedingt Kinder von anderen Leuten. [lacht] Wenn ich Freunde mit ihren Kindern treffe, habe ich sie noch nie darum beneidet. Das ist wie ein verdammter Albtraum. Natürlich ist etwas besonders schönes, keine Frage, aber gut, ich bin auch sehr egoistisch und will mein Leben so leben, wie ich es für richtig halte. Ich bin nicht der Typ dafür, der sein Leben hintenanstellt, um es seinen Kindern zu widmen – und nur darum geht es, wenn du mal Kinder hast. Manchmal denke ich mir schon, dass mir ein richtig traditionelles Familienleben vielleicht fehlt, aber ich mache meine Musik, mag Frauen trotzdem und bin wirklich glücklich mit allem, wie es gekommen ist. Mein Fokus liegt eben nun einmal auf der Musik.

Fotos: Robert Fröwein, Lasse Hoile, Ben Meadows

Robert Fröwein

Autor: Robert Fröwein [Froewe] | 19.07.2016 | 23:45 Uhr

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