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Rom brennt?

Ein Freund aus Athen erzählte mir gerade, dass er sich eine Knarre gekauft habe. Er zuckte einfach mit den Achseln, starrte ins Leere und sagte: „Es wird langsam wirklich verrückt hier unten - die Menschen sind verzweifelt.” Aus Angst vor Einbrüchen schien er keine andere Möglichkeit mehr zu sehen, als diese drastische Maßnahme zu ergreifen. Im Moment liegt die Waffe in einer Schublade neben dem Bett. Wie lange wird es wohl dauern, bis er sie auch auf der Straße bei sich tragen wird? Das Volk durchlebt eine Zerreißprobe und die Politik schwappt täglich von scharf rechts nach scharf links. Die öffentlichen Plätze zeigen die Stimmung im Land – Unruhe und brodelnde Spannung zwischen Menschen, die nicht mehr zwischen den großen Wichtigtuern entscheiden wollen.
Griechenland ist der historische Geburtsort der Demokratie – momentan reduziert auf Suppenküchen und Molotov Cocktails. Antonis Samaras, der amtierende Ministerpräsident Griechenlands, ruderte jüngst zurück, was die extremeren Sparmaßnahmen angeht, die in und über Griechenland verhängt wurden. Heute bekam ich eine Zeitung in die Finger und sah Bilder von wohlgenährten zentraleuropäischen Bürokraten die über die Probleme Griechenlands schwafelten. Sie sprachen hartes Zeug, waren sich einig, dass wirtschaftliche Schwäche nicht geduldet werden kann und dass in Zukunft eine Sparmaßnahme der andern folgen muss. Dann sah ich Ausschnitte, eine junge Mutter in Athen betreffend, die am offenen Fenster im achten Stock über der Straße schwebt. Bereit, sich in den Tod zu stürzen, weil sie es sich nicht mehr leisten kann, ihre Kinder zu ernähren.

Also... an welchem Punkt ist die Sache mit Europa eigentlich so dermaßen aus dem Ruder geraten? Die Antwort ist wirklich fundamental einfach, denn der simple Fehler war es, diese Superföderalisten die Grundmauern bilden zu lassen. Die fiskale und wirtschaftliche Einheit stand in Europa immer an erster Stelle, seit der Marshallplan beim Wiederaufbau Europas nach dem zweiten Weltkrieg half. Die möglichst schnelle Umsetzung des Plans aber bedurfte der Kleinigkeit, zunächst den kalten Krieg zu beenden. Die Währungsunion schritt während der 80er auch gerade langsam genug voran, aber der Fall der Berliner Mauer 1989 schürte die Ängste des französischen Präsidenten Mitterand, Deutschland könne auf einen Schlag zu einer ökonomischen Supermacht werden, nachdem die Wiedervereinigung nun unvermeidbar war. Die fundamentale Absicht der Europäischen Union war es nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch stets, die betroffenen Länder in ständiger Abhängigkeit voneinander zu halten, um in Zukunft die Übermacht eines Staates ausschließen zu können. Mitterand und auch andere Staatschefs sahen allerdings, dass die Deutsche Mark durch die Einheit unaufhaltsam und ausweglos gestärkt werden würde. Was könnte in diesem Moment also besser sein, als Europas Staaten wieder voneinander abhängig zu machen, in dem man Deutschlands ökonomischen Vormarsch unterbindet, damit alle Staaten wirtschaftlich wieder gleich dastehen?

Das dennoch bestehende Problem ist simpel: Wie kann eine Anzahl X von Staaten, deren wirtschaftliche Kraft extrem unterschiedlich ist, in finanzieller Eintracht stehen? Das ultimative Ziel war natürlich, den Nationalismus zu stoppen, Gemeinschaft zu fördern und die Quelle der Konflikte des 20. Jahrhunderts versieden zu lassen. Die Änderung von Gewohnheiten aus hunderten von Jahren und die Absicht, eine einheitliche Gemeinschaft daraus zu bilden, ist keine leichte Aufgabe. Was stattdessen hätte passieren müssen: zuerst die politische Einheit, dann die wirtschaftliche. Es geschah leider genau andersherum und die Staaten streiten bis heute um die politischen Positionen. Die Bevölkerung hatte auf diese Situation niemals einen ausreichenden Appetit entwickelt, also wurden die Menschen von Politikern und Bankern einfach ignoriert. Wenn Europa sich aufsplitten sollte, wird man erkennen, dass es eine Sache ist, das Bankensystem des Kontinents zu vereinheitlichen und voneinander abhängig zu machen, aber es hätte erst nach einer politischen Einheit geschehen sollen. Der simple Fakt ist, dass sich die Menschen – von schwedisch Gotland bis spanisch Katalonien – noch immer als regionale Pünktchen im Vergleich zum ultimativen Desaster Europäische Union betrachten. Während die Suppenküchen das Stadtbild Athens prägen, überschreitet die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien die 50%-Marke und tausende von uns Iren werden zu Auswanderern, wie es während der früheren Generationen schon war. Politisch geschieht alles nur noch weit links oder weit rechts, aus der Armut wird Kapital geschlagen und Europa ist ruhelos. War der Grundgedanke der Europäischen Union nicht, all dies zu beenden? War es nicht das Ziel, einen Super-Staat in Wohlstand und Gleichheit zu schaffen?

Die Aufgabe wurde zu schnell angegangen und bereits von Beginn an komplett vermasselt. Außer einiger sonniger Jahre waren bereits große Risse in den Mauern Europas weit vor der Lehmann-Pleite in den USA zu sehen. Dies war nur noch der symbolische Fall eines alten Imperiums, der den Staffelstab endgültig an die wirtschaftlichen Supermächte im fernen Osten übergeben hat. Man kann sich hervorragend darüber streiten, ob wir 500 Jahre europäischer Expansion, Kolonialismus und den Ausbau von Imperien seit der Zeit Vasco da Gamas Reise über das Horn von Südafrika nach Indien ohne die europäische Dominanz der Wirtschaft erlebt hätten. Das Zeitalter der Imperien hatte begonnen und wir hochzivilisiertes Volk erleben möglicherweise jetzt ein langsames Ende und den Abstieg des Westens. Sollte ich falsch liegen... wunderbar, sehr gut... steckt mich dann ruhig in eine Schublade mit den Dauernörglern. Aber die Zeichen sind da und sie sind erkennbar, denn aus Armut entsteht Unruhe und Sparpolitik unterstützt kein Wachstum.

Ist das nicht ungefähr die Situation, die herrschte, kurz bevor der Erste Weltkrieg begann und die fest verwurzelten Franzosen und Engländer sich vor der deutschen Macht fürchteten, zentraleuropäische Entscheidungen treffen zu können? Die Kugel im Kopf bei Sarajevo mag der ultimative Beschleuniger gewesen sein, aber auch damals waren die Nationen in Unruhe gehüllt und Bismarcks Säbelrasseln brachte sie lange vor Ferdinands Niedergang dazu, Gräben auszuheben. Hier sind wir also wieder: Merkel gibt, trotz aller Bemühungen Resteuropas, den Ton an. Und wir wissen heute alle, was damals in den 30ern passiert ist, noch bevor der große Krieg begann. Depression stellte sich ein, die Inflation stieg an und die Armut begünstigte politischen Extremismus. Hitler ging aus der Asche auferlegter Sparmaßnahmen hervor und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.

Natürlich deute ich hier auf ein Untergangsszenario Europas, aber tief unter der Oberfläche hallen die Molotovs aus Athen deutliche und düstere Signale durch das politische System Europas bis zu dem Haufen, der in Brüssel regiert – und sie sollten es hören! Wir haben alle gesehen, was während der Unruhen in London geschah, als wieder einmal die Kugeln die Straßen der Stadt regierten und sich anschließend schnell auf das ganze Land ausbreiteten. Englands neue Regierung blickte sehr schnell einem Staat der Anarchie ins Angesicht. Willst du mir erzählen, dass ein verängstigter Polizist, der bei einer Studentenkundgebung in Madrid, Paris oder Athen, den Abzug betätigt, diese Feuersbrunst nicht ausgelösen kann? Sind wir so weit davon entfernt, Politiker und Banker an den Galgen zu hängen?



21.07.12 16:17 Uhr
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