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Addi von SÓLSTAFIR reißt mich aus tiefem Schlaf – gerade noch rechtzeitig, um nicht auf dem Rückweg von den Westmännerinseln [Vestmannaeyjar], einer kleinen Inselgruppe südlich der Küste Islands, auf der Fähre vergessen zu werden. Es wäre wahrscheinlich überflüssig zu erwähnen, dass wir die letzte Nacht durchgemacht hatten, da wir abermals Zeuge der verrückten isländischen Gastfreundschaft werden durften, als wir unangekündigt in eine Privatparty auf einer Insel hineinplatzten, die gerade einmal ein paar tausend Einwohner hat. Wir gingen erst, als man Akustikgitarren zückte und “Wonderwall” erklang. Gegen Mittag erst fand ich dieses dunkle Eckchen auf der winzigen Fähre, in das ich mich verkroch, während wir in Richtung Festland aufbrachen. Ich würde wahrscheinlich immer noch dort liegen...

Die Legende sagt, dass die Eroberer unter den Wikingern den Brauch pflegten, die irischen Westmänner [altnordisch: Vestmenn] zu rufen, die so genannt wurden, weil sie vom westlichsten Punkt kurz vor dem Atlantik stammten. Um die Inseln geschichtlich kurz ein wenig zu platzieren: Es wird erzählt, dass ein gewisser Ingólfur Arnarson in Island eintraf und dort, zuvor von gefangengenommenen Sklaven aus Freiheitsdrang ermordet, seinen Blutsbruder Hjörleifur leblos vorfand. Die Sklaven flohen nach dem Mord zu eben jener kleinen Inselgruppe, doch ganz nach altem Brauch, folgte Ingolfur ihnen, machte sie ausfindig und tötete jeden einzelnen von Ihnen aus Rache. Die heutigen Einwohner erzählen mir nun, dass dies vor ungefähr 1.200 Jahren geschehen sein soll. Gummi, SÓLSTAFIRs Berg von einem Drummer, erzählt mir davon, während wir zusammensitzen und Svavar dabei beobachten, wie er mit Gummis Bassdrum-Pedal herumspielt. Heute Abend werden SÓLSTAFIR in der Halle eines Hotels im Schatten eines aktiven Vulkans spielen. “Guck dir diesen Penner an!”, scherzt Gummi und deutet auf Svava. “Der Typ sieht aus wie der reinste Klischee-Ire, aber immerhin bedeutet wenigstens sein Name 'Ostmann'.” Irgendwie hat er ja Recht. Dieser rothaarige, rotwangige Mini-Axl [Anm. d. Verf.: Axl Rose ist gemeint] sieht wirklich so aus, als sei er gerade einem Werbespot des irischen Tourismus-Büros entsprungen. Und dann hat er auch noch diesen Blick, der dich ständig dazu bringt, dich zu fragen, welchen Unfug er als nächstes aushecken würde. Ich bezweifle allerdings, dass er einen Job in der Werbung überhaupt halten könnte. Er ist Nachtportier in einer Irrenanstalt - die Ironie geht wohl niemals an uns vorüber!

Gummi erzählt: „Im 17. Jahrhundert wurden die Inseln von osmanischen Piraten aus Algerien erobert. Sie entführten hunderte Menschen, die in Algerien in Gefangenschaft leben mussten.” Wir lachen beide über das Wort “bondage” [Anm. d. Verf.: im Originalsatz ist das Wort 'Gefangenschaft' mit 'bondage' bezeichnet]. “Es gibt heute noch Türken mit blondem Haar und diese Geschichte ist der Grund, warum es sie gibt!”, erklärt mir Gummi weiter, während wir uns im Saal einen staubigen Schrank anschauen, der mit Sturzhelmen und Schaufensterpuppen gefüllt ist.

Mir kommt die Idee, durch das Geröll zum Zentrum des Vulkans der Insel zu klettern. 1973 zwang eine gewaltige Eruption die Einwohner dazu, die Inseln in Richtung Festland zu verlassen und als sie einige Zeit später zurückkehrten, mussten sie feststellen, dass sich die Inseln dramatisch verändert hatten. Wo zuvor noch weites Grasland war, stand nun ein rauchender, riesiger Vulkan, der heute noch raucht – Grund genug für meine Entscheidung, dass ich dort hinauf will. Nach ca. 3/4 des Weges bemerke ich, dass das womöglich keine meiner besseren dämlichen Ideen war, hier rauf zu klettern, da ich mit nur einem falschen Schritt hunderte Fuß weit hinunter falle. Ich schwitze den in der Nacht in Reykjavik bis sechs Uhr morgens angereicherten Alkohol in Bächen aus mir heraus, schaffe den Aufstieg jedoch und liege plötzlich am Rand des Kraters. Direkt über dem Zentrum auf der warmen Vulkanerde. Die Einwohner backen hier oben heute noch ihr Brot. Es beginnt zu regnen und ein paar Möwen stürzen herab, machen sich scheinbar über mich lustig. Ich schaffe es noch pünktlich zurück zum Soundcheck. Als ich in der Halle ankomme, sitzen die örtlichen Schulkinder beim Mittagessen zusammen und hören SÓLSTAFIR zu. Sie spielen “Fjara”. Nur etwas später tanzen die Kids wie verrückt zu WHITNEY HOUSTONs “I wanna dance with somebody” – keine Ahnung, ob das jetzt irgendwie eine gewisse Ironie in sich trägt, aber überall auf den Tischen liegen nun schlafende, betrunkene Isländer und Addi lacht sich angesichts meiner Verwirrung halbtot. Ich meine... WHITNEY HOUSTON?

“Oh, du bist Ire?”, fragt mich ein Mädchen, die zum Rauchen vor der Halle steht, “wir alle hier stammen von den Iren ab.” Als wir durch das Fenster beobachten, wie die komplette Meute zu WHITNEY HOUSTON abgeht, fügt sie hinzu: “Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob das die Situation jetzt erklärt...”. Ich auch nicht.

Kurz später versuchen wir, endlich Herr über unseren Kater zu werden und stehen auf dem “Svartir Sandir”, dem schwarzen Sand, der Namensgeber für das letzte Album der Band ist. Die See ist kalt und unruhig, der Wind weht eisig. “Wusstest du, dass der Wal aus 'Free Willy' hier auf den Inseln gelebt hat?” ... “Auf den... ach, komm, verpiss dich!” - Irgendwie ergibt ein Satz wie dieser nur hier in Island Sinn...
Wir schlagen unsere unvorteilhaften Metalhead-Jacken um unsere Körper und schützen uns vor der Kälte...

“'We come from the Land of the Ice and Snow...' ... der Song handelt nicht von Norwegen oder Schweden. Es geht um Island. Wusstest du das?”, verrät Addi mir während unserer Fahrt durch die schwarze Asche-Landschaft, die einer Mondlandschaft gleicht. Einige Minuten später geht das Ganze dann über in eine Art Marslandschaft und erinnert im weiteren Verlauf schließlich an die Wüste in Arizona, während wir unseren Weg zum Gletscher fortsetzen. Jedes Haus ist auf der Karte verzeichnet, mehr oder weniger jeder Familienname ist regelrecht in die Landschaft geschnitzt. Wir stehen auf dem Gletscher und ich schieße ein Selfie... auf einem Gletscher... und ich glaube währenddessen irgendwie, dass zumindest im Internet der Begriff 'Selfie' eher für 'selfish' [dt.: egoistisch] steht, was wiederum irgendwie niedlich ist. Wie dem auch sei... überall in der Landschaft stehen leere Häuser. Hiervon sollte mal jemand ein Fotobuch erstellen. Vielleicht hat man das aber auch schon.

Wir sitzen in Addis Küche, trinken Honig-Whiskey und hören HOWLIN' WOLF. “Was passierte eigentlich während dieser... Revolution?”, frage ich, während ich mit den Händen die Geste für Anführungsstriche während des Wortes „Revolution“ ausführe, was mich wohl zu einem noch größeren Arsch macht, als ich es eh schon bin. “Was meinst du?”, fragt Addi verwirrt. “Ach, der Scheiß mit der Parlamentsübernahme? Naja, wir sind da halt einfach reingelatscht und haben die Politiker rausgeschmissen.” Jeder in Island kennt jeden... oder zumindest kennt jeder irgendjemanden, der jeden kennt. Dieses glorreiche “Fickt euch!” gegenüber dem Internationalen Währungsfond, der versuchte, das Land mit Schulden zu knebeln, konnte in dieser Form wohl nur in einem Land passieren, das so insular und klein ist wie dieses. Für eine kurze Zeit spielten die Isländer das Spiel der internationalen Bankenwelt schulterzuckend mit, kauften jede Menge Krempel, den sie im Leben nicht zurückzahlen konnten und entschieden mit dem gleichen Schulterzucken, dass es wohl doch besser wäre, nicht mitzumachen und stattdessen weiterzumachen wie bisher. Die Menschen hier sind schroff und sie haben nichts übrig für Trottel – ich mag sie dafür!

“Unser Premierminister hat ein CRASS-Tattoo. Wusstest du das? Ich hab' mit dem mal Karaoke gesungen... und er war angezogen wie Hitler. Er liebt Karaoke, weißt du?”. Jetzt ergibt das alles einen Sinn...

Alan Averill

03.03.14 22:26 Uhr
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