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Datum: 01.10.2015Stadt: Paris [F]



Um einen kleinen Kurzurlaub in Paris gebührend abzurunden, bietet sich auf den ersten Blick direkt der Besuch des Konzerts der belgischen Post Hardcore/Sludge-Truppe AMENRA, zumal diese erst kürzlich angekündigt hat, die Live-Aktivitäten erst einmal deutlich herunterzuschrauben und eventuell sogar ganz einstellen zu wollen. Gründe dafür sind unter anderem eine neue Akustik-Scheibe, aber auch ein neues „richtiges“ Studioalbum und das Fokussieren auf das eigentliche Schreiben von Musik, zumal das exzellente „Mass V“ auch schon wieder fast drei Jahre auf dem Buckel hat. Vielleicht ist dies ja auch der Grund, warum das Konzert – übrigens mit den französischen Sludge/Post Black Metallern REGARDE LES HOMMES TOMBER im Gepäck – bereits zwei Wochen vorher restlos ausverkauft ist. Somit ist der Club „Le Divan du Monde“, ursprünglich ein altes und nebenbei wunderschönes Theater mit Balkon und erhaltenen Verzierungen/Vorhängen etc. [siehe unten], an diesem lauen Oktoberabend mit gut 450 Leuten auch derart rappelvoll, dass die Leute dicht an dicht bis direkt an die Ausgangstüren stehen.



.: REGARDE LES HOMMES TOMBES :.
Kein Wunder, denn das Quintett REGARDE LES HOMMES TOMBER aus Nantes ist bereits mitten in seinem Set – wieder einmal ein deutlicher Fingerzeig, dass Konzerte in der „Stadt der Liebe“ sehr pünktlich [in diesem Fall sogar vor der angegebenen Einlasszeit!] beginnen und auch ebenso zeitig aufhören. Schade also, dass der Verfasser lediglich noch 20 Minuten der Sludge/Post Black Metal-Truppe mitbekommt, zumal die erst vor wenigen Tagen erschienene zweite Scheibe, „Exile“, einen guten Eindruck macht und vor allen Dingen visuell zu punkten weiß. Dies kommt mittels des im Hintergrund projizierten Artworks auch live zur Geltung und sorgt für eine düstere Grundstimmung, während REGARDE LES HOMMES TOMBER musikalisch oftmals an Bands wie ALTAR OF PLAGUES oder EIBON erinnern und sowohl vom heiseren Gegrolle von Sänger Thomas als auch vom Wechselspiel zwischen rasenden Black-Metal-Passagen sowie wuchtigen, schleppenden Post Hardcore/Sludge-Klängen dominiert werden. Mir fehlt da über Albumlänge hinweg zwar noch das letzte Quäntchen Eigenständigkeit, aber das Publikum frisst der Band aus der Hand, die sich sichtlich über den Zuspruch freut. Gut gemacht!



.: AMENRA :.
Nach einer guten halben Stunde Umbaupause ist es an der Zeit für den Headliner AMENRA, der auch gar nicht lange fackelt, sondern direkt mit dem Kracher „Boden“ [von „Mass V“] beginnt. Unterstützt durch die düsteren, stimmungsvollen Projektionen, wütet sich die Band eine Stunde lang durch die gebotenen sieben Songs, wobei der Ausdruck „eine Stunde lang“ überhaupt nicht zutreffend ist, denn selten vergingen 60 Minuten so schnell. Sänger Colin H. Van Eeckhout wirkt gewohnt in sich gekehrt, schreit und kreischt sich in Rage – am Gesang von AMENRA dürften sich nach wie vor die Geister scheiden; ich empfinde diesen jedoch als gelungene Abwechslung zu den sonstigen Shoutern in diesem Genre –, Ansagen oder Interaktion mit dem Publikum gibt es [im besten Stil von NEUROSIS & Co.] sowieso nicht, und im Grunde gibt es nur einen kurzen Moment, in dem Van Eeckhout sich überhaupt umdreht und ins Publikum schaut. Das stört aber überhaupt nicht, denn ein AMENRA-Konzert kommt im Endeffekt einer kathartischen Erfahrung oder auch einer Art Ritual gleich, sodass viele Zuschauer mit geschlossenen Augen den Klängen lauschen oder gleichermaßen entrückt wie die Band vollkommen abgehen. Und bei solchen Songs wie „Razoreater“, „Am Kreuz“ oder auch „Aorte. Nous Sommes Du Même Sang“, bei dem auch der leise, fragile Klargesang prima live umgesetzt wird, ist das auch kein Wunder, zumal die Soundverhältnisse exzellent sind und AMENRA unglaublich druckvoll klingen. Nach der erwähnten Stunde ist dann jedoch mit „Silver Needle, Golden Spiral“ abrupt Schluss [übrigens sehr arbeitnehmerfreundlich um 22.30 Uhr!], einige Zuschauer schauen verdattert drein, die Band verlässt die Bühne, Rufe nach Zugaben bleiben unbeantwortet – schade, denn ein kleines Bonbon bei 20+ Euro Eintrittspreis und der relativ kurzen Spielzeit wäre sicher nicht verkehrt gewesen. Aber: Lieber ein kompaktes und sehr intensives Konzert mit ausgezeichnetem Spannungsbogen und mit einem Knall genau auf den Punkt gebrachtem Ende, als die Stimmung zu unterbrechen und dann vielleicht doch noch den roten Faden zu verlieren.
Insofern Daumen ganz weit nach oben für AMENRA, die sich obendrein mit einer kleinen, aber feinen Aktion beliebt machen: Das Poster zur Veranstaltung gibt’s am Merchstand nämlich als kleines Andenken ganz einfach gratis. In diesem Sinne: Merci beaucoup und hoffentlich bis bald!

AMENRA-Setlist:

01. Boden
02. Razoreater
03. Terziele
04. Nowena | 9.10
05. Aorte. Nous Sommes Du Même Sang
06. Am Kreuz
07. Silver Needle. Golden Spiral



soulsatzero

Autor: Alexander Eitner [soulsatzero] | 11.10.2015 | 10:16 Uhr
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