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Datum: 02.12.2005Stadt: Herne

Winterliche Temperaturen in der Gysenberghalle stimmen schon mal auf die Rocker im Namen des schneebedeckten Alpenpasses ein. Herne ist zahlreich und gut gelaunt in der Eissportarena erschienen und wird zunächst dem Partytest durch die Ruhrpöttler von Axxis unterzogen.

Mit allerlei lockeren Sprüchen ist deren Frontmann Bernhard Weiß für das Kabarett-Programm des Abends zuständig, was ihm hervorragend gelingt: „Ey komma hoch, wir machen jetzt wat Peinliches“, ruft er einer Zuschauerin in der ersten Reihe zu und holt die Dame kurze Zeit später tatsächlich auf die Bühne. Es folgt ein Duett im Tamburinschütteln und Stimbanddehnen – witzig. Ansonsten gibt’s eine solide Performance.

LAKONIA (AXXIS) SORGT FüR OFFENE MüNDER



Allen, denen die Kopfstimme von Weiß immer schon zu nervig und wackelig war, beschert Chorsängerin Lakonia, deren Einsätze inzwischen merklich gestiegen sind, wohltuende Abwechslung. Die Bandhits „Kingdom Of The Night“ und „Brother Moon“ sorgen für die Resonanz-Highlights seitens des Publikums und alle konnten nach dem Gig ziemlich zufrieden sein.

Als GOTTHARD die Bühne betreten, wird gleich deutlich, dass sie in einer völlig anderen Liga spielen als AXXIS. Fehlendes Kabarett-Talent wird mit musikalischen Meisterleistungen in Serie wettgemacht. Dabei immer im Zentrum des Interesses: Steve Lee. Mit einer Sicherheit und Brillanz, die an Zauberei grenzt, führt er durch das Programm. Ein Programm, das vor Höhepunkten nur so strotzt. Erwartungsgemäß greifen die Schweizer häufig auf das Material der bärenstarken aktuellen Scheibe „Lippservice“ zurück. „All We Are“ und „Dream On“ zeigen dabei gleich an, dass wir uns nicht zu einem Schmuserock-Abend eingefunden haben. Nein, GOTTHARD rocken wie Sau, wenn man sie lässt.

ROCKEN DAS HAUS: STEVE LEE, LEO LEONI (GOTTHARD)



Das beweisen sie in den folgenden zwei Stunden nur zu deutlich. Schaut man Leo Leoni während de Gigs ins Gesicht, ahnt man, welche Befreiung der Abnabelungsprozess von Chris von Rohr und der alten Plattenfirma BMG für die Gipfelstürmer bedeutet hat. Der Blondschopf tobt grinsend in bester 80’er-Manier über die Bühnenbretter und schrubbt dabei unentwegt Weltklasse-Riffs auf seiner gebeutelten Les Paul. Womit wir bei einem weiteren Merkmal des GOTTHARD-Sounds wären, das den Erfolg des Fünfers erklärt: 90 Prozent der GOTTHARD-Songs basieren auf musikalischen Bauteilen, die Anspruch mit Ohrwurmqualität vermischen und dem streng genommen altmodischen Hard Rock ein modernes Soundgewand verpassen, das kaum eine zweite Band dieses Genres bietet.
Dementsprechend werden sowohl neue Songs wie „I’m Alive“ oder das famose „Anytime Anywhere“ ebenso euphorisch vom Publikum aufgenommen wie Klassiker der Marke „Sister Moon“, „Mountain Mama“, „Firedance“ oder natürlich das überirdisch gute „Top Of The World“.

Dass Steve Lee bei keinem der Tracks auch nur eine Nuance daneben liegt, obwohl er schon zuvor beim Soundcheck einen großen Teil des Sets durchgesungen hat, ist selbstverständlich Ehrensache und unterstreicht einmal mehr die Klasse des Mannes, der wohl momentan in Europa kaum Konkurrenz zu fürchten braucht. Dabei feiert er das staunende Publikum in jeder Pause artig ab und dirigiert ein ums andere Mal tausende Kehlen des Gysenberg-Chors in wirkliche Dolomiti-Höhen. Die merken’s kaum und feiern sich den Wolf.

Dann die Überraschung: Während des Drum-Solos von Henna Habegger taucht auf einer Lewinwand hinter ihm plötzlich ein trommelnder Steve Lee auf. Was ist geschehen? Der Shouter hat sich unterirdisch zur Hallenmitte begeben und ist plötzlich mit einem eigenen Drumset neben dem Mischpult aufgetaucht. Nun folgt ein Schlagzeugduell, das mal synchron und mal abwechselnd über gut zehn Minuten für offene Münder sorgt – großes Tennis!

Nach so viel Action dürfen dann aber doch noch ein paar ruhigere Nümmerchen zum Einsatz kommen. Speerspitze des Kuschelteils bilden die obligatorischen „Homerun“ und „Heaven“. Nach dem Abschluss des offiziellen Teils werden GOTTHARD drei Mal zurück auf die Bühne geholt – auch hier ein Vorteil gegenüber vielen Kollegen: Man ziert sich nicht, sondern spielt einfach weiter, da man weiß, dass die Fans die 30 Schleifen fürs Ticket in der Regel nicht aus der Portokasse nehmen. Irgendwann ist aber tatsächlich Feierabend und man begibt sich mit der Überzeugung, dass traditioneller Hardrock auch anno 2005 kein bisschen anachronistisch ’rüberkommen muss auf den Heimweg.

KEINE FALSCHE NOTE: STEVE LEE (GOTTHARD)


Mattaru

Autor: Marcus Italiani [Mattaru] | 18.12.2005 | 10:18 Uhr
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