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"Heimspiel mit Stolpersteinen"
Band(s):
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Datum: 06.10.2016Stadt: Lübeck

Für den Auftakt des zweiten Teils ihrer "A Century In The Curse Of Time Tour" wählten die 2014 nach langer Pause zurückgekehrten Ex-Schwaben PYOGENESIS ausgerechnet das urige Rider's Cafe in Lübeck, in das sich an diesem Donnerstagabend trotz fast Heimspiel der Wahl-Hamburger leider nur rund 50 Nasen verirrten, was dem Konzerterlebnis allerdings keinen Abbruch tat - im Gegenteil.




.:ADDICTION:.
Als Einheizer durften die lokalen Death Metaller ADDICTION fungieren, die zwar bereits seit 2009 ihr Unwesen treiben, aber nicht zuletzt aufgrund der mangelhaften Metal-Infrastruktur im hohen Norden noch nicht so recht aus dem Quark gekommen sind. Ihr 2014 veröffentlichtes Debütalbum "Stench Of Decay" konnte jedenfalls wohlwollende Kritiken in diversen Metal-Publikationen einheimsen und auch heute gibt es nur wenig Grund zur Kritik. Drummer Sven hat nicht den besten Tag erwischt, was die meist in Mid Tempo-Gefilden wildernden Songs nicht wirklich tight wirken lässt, aber für einen unterhaltsamen Gig reicht das trotzdem allemal.




Sänger Dennis überzeugt mit nordisch reduzierten, aber sehr sympathischen Ansagen, während Gitarrist Tim zusammen mit Bassist Seraphin für die meiste Action auf der Bühne sorgen. Jeder Song wird mit Achtungsapplaus bedacht und so können ADDICTION den Auftritt auf jeden Fall als Erfolg werten, zumal die Band nach eigener Aussage tätsächlich noch nie die Gelegenheit hatte im Rider's Cafe auf der Bühne zu stehen.

.:PYOGENESIS:.
Nach etwas zu langer Umbaupause betreten PYOGENESIS dann endlich die Bühne, wenn auch nur um das Intro anzukündigen und das Publikum dazu zu bewegen, noch ein paar Schritte nach vorne zu kommen. Gitarrist Gizz Butt [THE MORE I SEE; ex-THE PRODIGY] hat aufgrund der Sprachbarriere natürlich wenig bis nichts von der Ansage verstanden und will eigentlich gleich loslegen, während der Rest der Band wieder von der Bühne stapft, was Sänger/Gitarrist Flo V. Schwarz mit einem lapidaren "Er ist Engländer" kommentiert. Nach dem Intro steigt das Quartett erwartungsgemäß mit dem Opener der aktuellen Scheibe "A Century In The Curse Of Time", "Steam Paves It's Way [The Machine]", in ihr Set ein, der live tatsächlich sehr viel stärker als auf Platte wirkt. Nachdem die Reunion mit Ex-Gitarrist Tim Eiermann [LIQUIDO, MY EARLY MUSTANG] 2014 leider nicht von langer Dauer war, übernimmt Flo inzwischen neben den cleanen Vocals auch die Grunts, wird aber gesanglich tatsächlich von allen drei Bandkollegen sporadisch unterstützt. Das klappt erstaunlich gut, sodass man den guten Tim bei den älteren Songs viel weniger vermisst, als man vielleicht im Vorfeld dachte.




Und so kloppen sich PYOGENESIS durch ein wunderbares Best Of-Set, das tatsächlich ab "Sweet X-Rated Nothings" [1994] bis zur aktuellen Scheibe alle Alben mit mindestens zwei Songs berücksichtigt. Highlights sind natürlich alle gespielten Songs vom Wunderwerk "Twinaleblood", immerhin fünf Stück, allen voran "Undead" [Gänsehaut!], aber auch der Rest weiß zu begeistern. Vor allem die auf Platte doch sehr poppigen, aber nichtsdestotrotz natürlich coolen Geschichten von "Unpop" [1997] bekommen hier ein deutlich härteres Gewand gezimmert [z.B. mit Double-Bass-Einlagen oder echten Griffbrettwichser-Soli von Gizz] und passen somit wunderbar zum Rest des Sets. Das unterbewertete "Mono"-Album [2000] wird durch "Fake It" und "Drive Me Down" mit nur zwei Songs repräsentiert und ausgerechnet bei letzterem Song versagt Flo leider etwas die Stimme, sodass die Strophen von den Instrumenten komplett verschluckt werden. Schade!




Die Lightshow ist der Wahnsinn und wahrscheinlich die beste und professionellste, die das Rider's Cafe jemals gesehen hat. Der Gig hingegen ist allerdings zum Glück nur semiprofessionell, da die Band gekonnt die Brücke zwischen öffentlicher Probe und regulärem Konzert schlägt. So interagiert Flo in seiner unnachahmlichen Art viel mit dem Publikum, wobei er nie so recht weiß, ob er traurig sein soll, dass die Location recht leer ist [und das zum Tourauftakt!] oder sich freuen soll, dass wenigstens das anwesende Publikum ordentlich mitgeht. Meistens versteht er allerdings die Zurufe aus dem Publikum auf seine Nachfragen nicht so richtig, was er schlagfertig mit einem lapidaren "Ich bin Engländer" kommentiert. Nachdem Flo erst geschlagene zwei Songs nach dem Backdrop-Wechsel feststellt, dass da auf einmal statt dem eigentlich angedachten PYO die Buchstabenfolge OYP steht, brechen alle allerdings Dämme. Da wird der Roadie auf die Bühne gebeten, um sich zu erklären, während Flo sich hinter der Bühne eine kurze Raucherpause [?] genehmigt, was in einer Jam-Session angelehnt an AC/DCs "TNT" mit "OYP"-Sprechchören seitens des Publikums eskaliert. "OYP" ist natürlich der Schlachtruf des restlichen Abends und auch hier weiß Flo nicht so recht, ob er sich freuen soll, dass die Stimmung wunderbar ist oder doch lieber ärgern, weil das Ganze mit dem Backdrop so gehörig gefloppt ist.




Am Ende des Gigs ist dann aber doch alles wunderbar, Flo entschließt sich sogar beim letzten Song ein Bad in der doch recht überschaubaren Menge zu nehmen, ein großer Vertrauensbeweis. Trotz der wenigen tragenden Hände kann man den Dive als vollen Erfolg verbuchen – wie letztlich den kompletten Gig. Sicherlich zuweilen recht unkoventionell, aber jeder, der dabei war, hat doch das Gefühl, hier etwas Einzigartiges erlebt zu haben.

Setlist:
01. Steam Paves It's Way [The Machine]
02. Those Churning Seas
03. Fade Away
04. Through The Flames
05. Empty Space
06. Love Nation Sugarhead
07. Fake It
08. Blue Smiley's Plan
09. The Best Is Yet To Come
10. Undead
11. Flesh And Hair
12. Silver Experience
13. Twinaleblood
14. Drive Me Down
15. This Won't Last Forever
16. Every Single Day
17. Lifeless
18. Seperate The Boys From The Men
19. The Swan King
20. It's On Me
----
21. Don't You Say Maybe

nnnon

Autor: Michael Siegl [nnnon] | 27.11.2016 | 16:25 Uhr
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