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Datum: 24.08.2010Stadt: Hamburg

Zu einem Konzert in der Hansestadt Hamburg gehört, so scheint es meine ganz persönliche Tradition zu verlangen, planloses Herumlaufen in der falschen Richtung. Aber wer kann auch damit rechnen, dass sich das Hafenklang ganz unversehens nicht mehr im Hafenklang Exil, sondern wieder in der ursprünglichen Örtlichkeit in unmittelbarer Fischmarkt-Nähe befindet? Doch glücklicherweise ist unsere Zeitplanung großzügig und bis zum Beginn des Hamburg-Gastspiels von SLEEPY SUN ist noch Zeit genug für einen kleinen Imbiss.
Den nehmen wir in der direkt nebenan gelegenen Haifisch-Bar ein – teils aus Faulheit, weiter zu laufen, teils aus dem Gefühl, dass es schon "so teuer nicht sein könne". Zack! Da hängt die Landratte am Haken, denn mit zehn Euro pro Nase für Fischfrikadellen [Industrie-Pressfisch] mit Kartoffelsalat [vermutlich aus dem Aldi-Vorratseimer] und ein kleines Bier hat nun wirklich keiner von uns gerechnet. Hinzu kommt, dass der Wirt auch offenkundig weder bereit noch fähig ist, eine genaue Abrechnung zu geben. Geht nicht in die Haifisch-Bar, Leute! Der Haifisch, der hat Zähne – und die schlägt er in euren Geldbeutel!








Ab da an geht es jedoch bergauf mit dem Abend. Zunächst noch etwas langsam, denn mit den Kanadiern von BARN BURNER steht unversehens doch noch eine Vorband auf dem Programm. Kurz nach unserem Eintritt entern sie die kleine, kniehohe Bühne und lärmen mächtig los. Doch es ist nicht BARN BURNERs großer Abend. Klangprobleme, vor allem mit dem oft kaum hörbaren Gesang, prägen den Gig der Band aus Montreal. Auch wird schnell deutlich, dass die Mehrzahl der Anwesenden nicht auf vier bärtige und/oder langhaarige Kanadier mit einer Aggro-Mixtur aus SLAYER, HIGH ON FIRE und Sludge gewartet hat. Das Publikum verhält sich hanseatisch reserviert – weiter Halbkreis vor der Bühne, Mitwippen nur wenn keiner hinguckt und verhaltener, freundlicher Applaus zwischen den Songs. Dabei ist zu spüren, dass BARN BURNER bei weniger schüchternem Auftreten und mit einer richtigen Rampensau in ihren Reihen sicher noch einiges hätten reißen können. Es hat wohl nicht sollen sein – so richtig traurig scheint niemand, als sich BARN BURNER von der Bühne trollen, noch nicht einmal die Band selber. Mehr Glück beim nächsten Mal!








Wer an diesem Abend im Hafenklang musikalisch das Sagen hat, sind nämlich eindeutig SLEEPY SUN. Kurz bevor der kalifornische Sechser die Bühne betritt, ist der Zuschauerraum auf einmal voll. Nicht zum Bersten voll, aber ohne freundliches Drängeln von einem Ende zum anderen zu gelangen ist auf einmal nicht mehr drin. Ohne langes Vorspiel gehen die fünf Herren und die Dame auf ihre Positionen und läuten mit standesgemäßem Gitarrengebrumm eine Stunde Musik der Extraklasse ein. Ganz zu Anfang mag der eine oder andere zwar noch mit dem Impuls kämpfen, Sängerin und Perkussionistin Rachel die Knolle Astra wegzunehmen und mit den Eltern zu schimpfen, denn älter als vierzehn sieht sie zunächst nicht aus. Schon die ersten Töne des Eröffnungsstückes "Marina" vom aktuellen Album "Fever" ernten Jubel, und das völlig zurecht. Dabei haben SLEEPY SUN rein optisch in diesem Jahrtausend rein gar nichts verloren – vor allem das Vokalistenduo Bret Constantino und Rachel Williams lässt eigentlich nur die Bezeichnung "verdammte Hippies" zu. Lange Haare, zu große Hemden, blasse Gesichter [in seinem Fall sogar mit Schnurrbart!] und entrückter Blick, so gehen die beiden von der ersten bis zur letzten Sekunde im fuzzgeladenen Psychedelic Rock von SLEEPY SUN auf und ziehen dabei alle Blicke auf sich. Die folgenden 60 Minuten vergehen wie im Fluge. Die Band aus San Franzisko besticht dabei nicht durch eine "Show" im üblichen Wortsinne, sondern mit Leidenschaft, Kompromisslosigkeit und wunderschönen Songs, die vollkommen mühelos das Beste aus psychedelischen 60er/70er-Klängen mit Blues- und Folkelementen und schrullig-bratendem Stoner-Sound Marke EARTHLINGS? oder YAWNING MAN verbinden. Auch die großen Krautrock-Bands dürften ihre Spuren hinterlassen haben bei SLEEPY SUN, die sich für die Setlist zwar hauptsächlich bei ihrem jüngsten Album "Fever" bedienen, aber auch ältere Stücke wie "White Dove" oder "New Age" berücksichtigen – die den neueren im Übrigen in nichts nachstehen und ebenso begeistert aufgenommen werden. Überhaupt frisst das Hamburger Publikum der amerikanischen Band von der ersten bis zur letzten Sekunde aus der Hand und lässt sie natürlich nicht ohne Zugabe verschwinden. Das die gesamte Spielzeit dennoch nur etwas über eine Stunde umfasst, mag sich vielleicht nach Abzocke anhören – der Ansturm auf den Merchandise-Stand der Band nach dem Gig deutet allerdings nicht gerade auf Unzufriedenheit hin. Auch wenn sich ein Fan mittleren Alters nach der Show augenzwinkernd bei Sänger Bret beklagt, das Konzert sei "fünf oder sechs Stunden zu kurz" gewesen – für mich persönlich und offenbar auch für etliche andere gehörte die gute Stunde SLEEPY SUN mit zu den musikalisch und athmosphärisch dichtesten und überzeugendsten Auftritten des Jahres. Diese verdammten Hippies. Sie werden es nie kapieren! Hoffentlich nicht!

[PS: Vielen Dank an Michel von SPROTTENROCK und BILDERWELTEN für die Fotos und Melanie fürs Autofahren!]

Grim_Rieper

Autor: Lennart Riepenhusen [Grim_Rieper] | 06.09.2010 | 16:03 Uhr
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