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Ihr werdet euch jetzt nicht zu Unrecht fragen, was eine 20-Jahre-ABORTED-Story im Jahr 2016 überhaupt soll? Die belgische Death-Metal-Institution wütet bereits seit 1995 durchs Unterholz und trotz offensichtlicher mathematischer Defizite können wir das richtige Addieren von Jahreszahlen auf unsere Habenseite schreiben. Der ganz profane Grund für die späte Würdigung liegt am brandneuen Album „Retrogore“, das eben mit einem Vierteljahr Jubiläumsverspätung in die hiesigen Läden gewuchtet wurde, aber unbedingt noch eine Aufnahme in unsere Huldigung finden sollte.

Die Geschichte von ABORTED ist in mehrfacher Hinsicht besonders. Einerseits, da sie es tatsächlich schafften zu einer Genregröße zu werden, ohne zeitlich an der ersten großen Death-Metal-Welle beteiligt gewesen zu sein, andererseits stammt die Band nicht aus Florida, Stockholm oder Birmingham, sondern aus dem beschaulichen Beveren in Ostflandern, hierzulande besser als Belgien bekannt. Eine Gegend, die für diese Art von Musik ungefähr so bekannt ist wie Aserbaidschan für Profifußball oder die westsibirische Tundra für „Sports Illustrated“-Models. Umso höher muss man die Beharrlichkeit und den Verdienst von Frontmann Sven de Caluwé respektieren, der aus einer geografisch schier ausweglosen Situation einen weltbekannten Genre-Bastard formte und dieses Flaggschiff seither durch alle Widrigkeiten und Unwetter steuert. Derer gab es gewiss viele, doch ganz am Anfang, da gab es natürlich grenzenlose Euphorie.



1995 war von einer Band noch lange nichts zu sehen. Svencho war gerade einmal 17 Jahre alt und hatte, wie er uns im ausführlichen Interview erklärte, ein elementares Problem, das zur Gründung von ABORTED führte: „Mitte der 90er-Jahre war der Black Metal in seiner Hochphase. Wenn ich nach der Schule in die Plattenläden ging, gab es überall Black-Metal-CDs, aber keine Death-Metal-Scheiben. Das hat mich verärgert, denn Black mochte ich nicht. Die logische Schlussfolgerung war also, selbst eine Death-Band zu gründen.“ [lacht] Der selbst für Death-Metal-Kreise durchaus heftige Bandname war aber keinesfalls als schiere Provokation gedacht. „Der Grund war ganz pragmatisch: Damals waren Plattenläden noch wichtig und wir wollten einfach ganz vorne gereiht sein. Am besten neben ABBA. [lacht] Zudem gibt es viele Bedeutungen, die du mit dem Namen assoziieren kannst, die Leute konnten uns nicht so schnell festnageln. ABBA und DEATH ergibt ABORTED – denk mal darüber nach. [lacht]. Nur haben wir weniger Hits.“


1997 rekrutierte Svencho schlussendlich die ersten Mitstreiter, um die Sache etwas ernster anzugehen. Als Koen Verstraete (Bass), dessen Bruder Niek (Gitarre) und Steven Logie (Drums) in die Band einstiegen, war noch nicht vorauszusehen, dass sich das Personalkarussell von da an unaufhaltsam drehen würde. Scheint der Bandname tatsächlich an ABBA angelehnt zu sein, ehrte Svencho auf der allerersten Demo das legendäre „Rat Pack“ rund um Frank Sinatra. „The Splat Pack“ nannte sich der spätpubertäre 3-Tracker, auf dem mit den Songtiteln „Organic Puzzle“, „Gurgling Rotten Feces“ und „The Lament Configuration“ bereits klargemacht wurde, das betuliche Wald-und-Wiesen-Lyrics woanders zu verorten sind. Nach der im selben Jahr aufgenommenen zweiten Demo „The Necrotorous Chronicles“ holzten die Belgier 1999 schließlich ihr einst noch fast unbeachtetes Debütalbum „The Purity Of Perversion“ ein.


Wie bei allen Jungbands üblich, wurden darauf die Demos eingebaut und um wenige neue Songs erweitert. Am Drumschemmel saß zu diesem Zeitpunkt bereits Frank Rosseau, Christophe Herreman bediente die zweite Saitenaxt. Mit den beiden belgischen Sängern Henne und Kurt Monie begründete Svencho bereits damals im Kleinen eine liebgewordene Tradition – den Einsatz von Freunden und Gästen. Eine weitere Premiere: „The Purity Of Perversion“ war das erste Death-Metal-Album, das in den belgischen CCR-Studios eingeholzt wurde. Svencho erinnert sich noch gut zurück. „Damals regierte in Belgien die H8000-Szene. Das war eine Metalcore-Szene mit Bands wie CONGRESS oder LIAR, die Hardcore mit schnittigen SLAYER- und CANNIBAL CORPSE-Riffs verbanden. Als ich aufwuchs war das meine Definition von Metalcore, nicht diese verdammten IN FLAMES mit ihren Clean-Stimmen und den Müll-Riffs. Jedenfalls war das Studio bekannt für diesen rohen, schnittigen Sound, den wir auch unbedingt wollten. So kam das eine zum anderen.“

Im Gegensatz zum stiefmütterlich behandelten Metal waren Hardcore und Metalcore vor allem zur Jahrtausendwende das ganz große Ding in Belgien. „Wenn du als Band bei harten Shows spielen wolltest, konntest du nur mit Hardcore-Bands touren. Es gab die ganz großen Festivals mit Kalibern wie IMMORTAL, DYING FETUS, VADER oder KATAKLYSM, aber bei lokalen Konzerten gab es permanente Metalcore-Querverbindungen. Manchmal war das ziemlich verrückt“, erinnert sich der Sänger lachend zurück, „denn wir spielten nicht nur Death Metal, sondern soffen auch tonnenweise Bier, womit die Core-Bands natürlich nicht immer konform gingen.“


Nach einer Split mit den befreundeten Spaniern von CHRIST DENIED war das 2001er-Album „Engineering The Dead“ in mehrfacher Hinsicht ein erster großer Karrierewurf. Einerseits blieb das Line-Up bis auf den zweiten Gitarrenposten stabil, andererseits kam man bei der respektablen Underground-Schmiede Listenable Records unter. Songs wie „The Holocaust Incarnate“ oder „Nailed Through Her Cunt“ machten ABORTED zusammen mit immer häufiger stattfindenden Touren in ganz Europa bekannt. Vor allem die brachialen Liveshows mit Svenchos einzigartigem Brüllorgan und den sägenden Riffs sorgten für eine besonders eindrucksvolle Atmosphäre. „Wir blieben auch im gleichen Studio und verbesserten unsere Fähigkeiten über die beiden Jahre enorm. Zudem waren wir da in absoluter Hochstimmung. Wenn wir nicht gerade auf Tour waren, stiegen wir für umgerechnet 100 Euro Gage in einen klapprigen Van, um wochenends für Einzelgigs nach Deutschland oder Österreich zu fahren. Wir wollten die Band einfach bekannter machen. Das ist etwas, dass du heute nirgends mehr siehst. Keine junge Band schiebt heute noch ihren verwöhnten Arsch in einen Van, um sich einen Namen zu erspielen.“

Diese unbeschwerten Zeiten waren schön, vermissen tut sie Svencho heute aber nicht mehr: „Es war natürlich ungezwungener, am Freitag in den Van zu hüpfen, loszubrettern und Party zu machen, bevor du Sonntagabend gerädert wieder zuhause ankommst. Heute haben wir alle Familien und sind meist vier bis fünf Wochen am Stück auf Tour, um danach wieder lange genug daheim zu sein. Ich blicke nicht so gerne zurück, sondern nehme lieber die Herausforderungen der Gegenwart an.“ Zurückgeblickt hat Svencho aber auf der Ende 2015 erschienenen EP „Termination Redux“ auf dem „The Holocaust Incarnate“ noch einmal neu eingespielt wurde. Warum eigentlich? „Das ist der einzige Song des Albums, den ich noch heute mag und der hie und da in der Live-Setlist auftaucht“, lacht Svencho, „die Nummer klingt immer noch cool und benötigte eine Generalsanierung“.


Eine Generalsanierung erfährt der Sound von ABORTED dann schließlich ab 2003. In der Szene sind die Belgier mittlerweile so gut angekommen, dass Splits mit Bands wie EXHUMED, DROWNING oder BRODEQUIN folgen. Jeder kennt den verrückten Abtreibungshaufen, eine Tour folgt auf die nächste und wie es im schönen Prä-Social-Media-Zeitalter noch Usus war, wurden Kontakte auch bei Bieren und nicht nebeneinandersitzend per Facebook-Messenger geknüpft. Zwischen 2002 und Anfang 2003 übersiedelten Svencho und Co. erstmals ins Ausland und nahmen ihren Drittschlag „Goremageddon: The Saw And The Carnage Done“ in den dänischen Hansen Studios auf. Wer übrigens beim Albumtitel an NEIL YOUNGs „The Needle And The Damage Done“ denkt und Svencho als Fan outen will, erntet nur Kopfschütteln: „Stimmt nicht, aber im Vergleich klingt der Titel natürlich lustig und er lag auf der Hand.“

Den Sound von damals haben ABORTED längst verlassen, dennoch erinnert sich Svencho gerne an die Aufnahmen zurück: „Alle denken, dass ,Goremageddon‘ unser härtestes und brutalstes Album wäre, aber eigentlich ist es melodischer als alle anderen. Das erkennt man nur deshalb nicht, weil die Produktion total unterm Hund ist.“ [lacht] Svencho ist also weniger glücklich als die Fans – schließlich war „Goremageddon“ für viele ABORTED-Maniacs der Startschuss ins Fanleben. „Jeder mag die Phase der Band am liebsten, in der er sie kennengelernt hat. Insofern kann ich die Leute verstehen“, erklärt der Sänger, „vom Inneren der Band heraus ist es sowieso immer schwer, ein Urteil abzugeben und sinnvoll zu resümieren.“ Dass es bei ABORTED noch heute Songs gibt, die immer wieder mal an die „Goremageddon“-Zeiten erinnern, passiert laut Svencho unbewusst. Dennoch haben die Belgier hier definitiv ihren Grundsound gefunden, von dem weg sie sich weiterentwickelten und ihre Karriere fortführen konnten. Zudem war hier auch erstmals der Chirurg auf dem Albumcover zu sehen, das ABORTED-Maskottchen im Stile von IRON MAIDEN-Eddie oder MOTÖRHEAD-Snaggletooth, das fortan die Alben der Band zierte und die textlichen Inhalte zwischen Massenmörder und Medizinerwesen visualisierte.


Den endgültigen Durchbruch schafften ABORTED dann zur Bandhalbzeit, 2005. Immer noch bei Listenable unter Vertrag, nach dem Hansen-Fiasko ins nächste dänische Studio (Antfarm) zu Tue Madsen gezogen, klopft die Band „The Archaic Abbatoir“ ein. Ein in mehreren Belangen richtungsweisendes Album, dass den Belgiern nicht nur den bislang mit Abstand größten Erfolg bringen sollte, sondern im Nachhinein auch erstmals fast das komplette Bandgefüge zerrütten würde. In nicht einmal 40 Minuten knüppelte die Band Hits wie „Threading On Vermillion Deception“, „The Inertia“ oder „Hecatomb“ raus und hatte mit „Dead Wreckoning“ einen richtiggehenden Hit, der der immer schon leicht im Core-Bereich verwurzelten Truppe nicht nur zu einem Vertrag mit Century Media Records verhalf, sondern sie für kurze Zeit auf den Thron des Genres hob.

„Es war mit Sicherheit unser eingängigstes Album“, erklärt Svencho, „wir spielten damals permanent mit großen Bands auf guten Touren live, das könnte natürlich auch ein Grund für die steigende Popularität gewesen sein. Außer ,Hecatomb‘ spielen wir davon aber kaum noch etwas live. Ich weiß, dass viele Leute ,Dead Wreckoning‘ noch immer lieben, aber den Song bauen wir mal rein und hauen ihn dann oft raus. Alle anderen Songs sind eigentlich kein Thema mehr.“ Der aktuelle Drummer Ken Bedene hat einen naturgemäß „frischeren“ Zugang zum großen „Breakthrough-Album“: „Wie für viele andere Menschen, war es für mich das ABORTED-Album, mit dem ich die Band entdeckte. ,Dead Wreckoning‘ ist eine der Death-Metal-Nummern mit dem größten Hitpotenzial, die ich kenne. Kein Wunder, dass den Jungs damals der Durchbruch gelang.“





Mit dem veränderten Sound kamen im Nachhinein aber auch die Probleme. Svencho merkte schon nach dem Release, dass „The Archaic Abbatoir“ gerade ob seiner Eingängigkeit auch auf zwiespältige Resonanz stieß, so manchen Old-School-Härtner der Band mit den Filmsamples und Breakdown-Passagen abschreckte. Innerhalb eines Jahres bröselte dem Frontmann erstmals das komplette Line-Up weg. „Die Leute in der Band hatten damals die Schnauze voll von Death Metal. Einer der beiden Gitarristen hat die Band direkt nach den Aufnahmen verlassen, weil er nur mehr Scheiße wie CREED hörte und einen Neuanfang in seinem Leben suchte. Am Ende landete er bei der Hare-Krishna-Bewegung.“ [lacht] Svenchos Kollegen hassten es regelrecht, mit Bands wie CANNIBAL CORPSE zu touren und orientierten sich mehr in Richtung MASTODON, was man „The Archaic Abbatoir“ in Teilen auch anhört. Svencho selbst hat trotz all der Probleme seinen Frieden mit dem Werk gemacht. „Es ist nicht mein Favorit, weil ich es eben gerne etwas härter mag, aber insgesamt war es kein schlechtes Teil.“ Jedenfalls brachte es ABORTED mehr Aufmerksamkeit als je zuvor.


Der steigenden Popularität und dem guten Ruf des Albums war es zu verdanken, dass Svencho schnell geeignete Mitstreiter für ein Nachfolgealbum fand. „Slaughter & Apparatus: A Methodical Overture“ erschien trotz komplettem Line-Up-Wechsel und permanentem Tourstress nicht einmal zwei Jahre später und überraschte damit, dass es kaum Qualitätseinbußen zu verzeichnen hatte. Ganz im Gegenteil, auf Songs wie „The Chondrin Engima“, „The Foul Nucleus Of Resurrection“ oder „Odious Emanation“ gingen ABORTED wieder härter ans Werk, holten sich Gäste wie Jeff Walker (CARCASS) oder Jacob Bredahl (HATESPHERE) an Bord, vergaßen dabei aber nicht, zum Century-Media-Einstand nicht allzu weit von der Erfolgsformel des Vorgängers abzuweichen. Die viehischen Death-Metal-Zeiten schienen vorüber, Breakdowns und Moshpassagen waren mittlerweile fix integrierte Bestandteile und dass die Drums derart tight gespielt wurden, lag an PSYCROPTICs David Haley, der in der Notsituation das gesamte Album eintrümmerte.


Das Line-Up rund um Svencho bröckelte abermals, sodass das bereits 2008 nachgeschossene „Strychnine.213“ fast wieder komplett neu zusammengebastelt werden musste. Für die Band selbst wäre das Album und die Phase rundherum fast der Todesstoß gewesen. Künstlerisch kann „Strychnine.213“ bis heute zurecht als Tiefpunkt der Bandhistorie bezeichnet werden, wandelten sich die Belgier hier schließlich mehr zur Deathcore-, denn zur Death-Metal-Kapelle. Svencho kritisch im Rückblick: „Ich mochte das Album nie. Weder beim Schreiben, noch beim Aufnehmen, noch beim Produzieren. Wir haben intern lange darüber diskutiert, wie Bands ihre Alben verlangsamen oder beschleunigen und meine damaligen Jungs wollten damals alles zurückfahren. Die Songs waren dadurch total verwässert und bei der Produktion im Klank Studio in Tegelen ging alles daneben. Wir waren dann auf Tour und jeder in der Band war plötzlich total auf Deathcore und wir waren zehn Monate des Jahres auch nur mit solchen Bands auf Tour. Spätestens dann wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte und ich einen radikalen Umschwung machen müsse.“ 2009 kickte Svencho schlussendlich jedes Bandmitglied aus ABORTED und war kurz davor, das Kapitel zu beenden.

Doch ist es wirklich so schwierig, mit dem großen Meister zusammenzuarbeiten? Ist der Aderlass womöglich durch seine diktatorischen Züge zu erklären? Svencho gibt uns einen tiefen Einblick in das Bandleben von damals: „Wenn man so oft auf Tour ist, lernt man sich gegenseitig extrem gut kennen. Manchmal geraten gewisse Individuen etwas außer Kontrolle, dann musst du sie stoppen und aus der Band eliminieren – auch wenn sie ihren eigentlichen Job gut erledigen. Es hat keinen Sinn mit jemanden zu touren, der extrem drogenabhängig ist oder andere Bands wie Scheiße behandelt. Nach 20 Jahren in diesem Geschäft habe ich für ein solches Verhalten einfach keine Toleranz mehr.“ Für Drummer Bedene lag es auch an Egotrips: „Es sind meist Autoritätsprobleme, davon können viele Bands ein Lied singen. Jeder plusterte sei Ego auf und wenn nicht alles nach dem Kopf des jeweiligen ging, wurde der eben wütend und ließ diese Wut raus. Irgendwann kannst du so einfach nicht mehr arbeiten.“




Svencho hat noch ein spezielles Beispiel parat: „Ich erzähle dir jetzt exemplarisch eine Geschichte eines ehemaligen Gitarristen von uns, dann weißt du, warum drastische Änderungen oftmals notwendig waren. In England kam bei einem Konzert mal unser Tourmanager mit 10-15 Pfund in Münzen backstage und gab sie unserem Gitarristen für das Abendessen, weil er die Kohle gerade nicht in Banknoten bei sich hatte. Der Gitarrist nahm die Münzen, warf sie dem Tourmanager ins Gesicht und beschwerte sich lautstark darüber, dass er damit sicher kein Essen kaufen werde. So etwas ist für mich einfach nicht tolerierbar. Wenn du nicht einmal die Leute respektvoll behandeln kannst, die für dich arbeiten und sich den Arsch aufreißen, dann hast du in einer Band absolut nichts mehr zu suchen.“

Für Svencho war damit beinahe das Ende der Band gekommen. „Es war tatsächlich so, dass ABORTED quasi im Sterben lagen. Wir haben nach ,Strychnine.213‘ fast zwei Jahre lang nichts gemacht. Keine Releases, keine Promo, keine Liveshows. Die Situation schien ausweglos.“ Doch gerade im dunkelsten Moment der Bandgeschichte tauchte Svenchos Freund und SOILWORK-Drummer Dirk Verbeuren auf, der schon zwischen 2003 und 2004 aushalf und seinem Kumpel ins Gewissen redete, doch bitte noch einmal durchzustarten. „Mit ihm habe ich 2010 dann die 5-Song-EP ,Coronary Reconstruction‘ geschrieben. Das war genau der nötige Arschtritt, um mir den Spaß an der Sache wieder zurückzuholen und die musikalische Ausrichtung der Band endlich wieder ins Lot zu bringen. Wäre Dirk zu dieser Zeit nicht bei mir aufgetaucht und hätten wir uns da nicht länger zusammengesetzt, wären ABORTED definitiv tot gewesen.“


Neu motiviert und voller Energie sorgte Svencho dann für eine schnelle Umstrukturierung und holte sich ein komplett neues Line-Up an Bord. Die erste auffällige Besonderheit – Landsmänner waren offensichtlich nicht mehr erwünscht und ABORTED wurde endgültig zum internationalen Projekt. Am Wichtigsten war dabei sicher der Einbau des US-Drummers Ken Bedene, der nicht nur zuvor bei ABIGAIL WILLIAMS begeisterte und für kurze Zeit Gitarrist Michael Wilson mitnahm, sondern fortan auch zum musikalischen „Partner In Crime“ werden sollte, mit dem ABORTED wieder zu alter Stärke zurückfanden. „Global Flatline“ nannte sich der im Jänner 2012 veröffentlichte Bastard, mit dem ABORTED ein kräftiges Lebenszeichen setzten und auch die thematische Ausrichtung mehr Richtung Polit- und Gesellschaftskritik lenkten. Eben alles neu. „Ich spürte schon bei der EP, dass es ab jetzt wieder passt“, freut sich Svencho noch heute über das Quasi-Comeback, „die Hauptinspiration für das Album war jedenfalls so eine Sendung, wo alle Teilnehmer Gesichts-OPs über sich ergehen ließen und dann total beschissen aussahen. Ich kenne den Namen der Sendung nicht mehr, aber sie endete mit einem CHRISTINA AGUILERA-Song.“ [lacht]


Svencho bezeichnet die Phase ab „Global Flatline“ als ruhigste der Bandgeschichte – und das, obwohl bereits nach dem Album wieder alle Gitarristen weg waren. Nachfolger Danny Tunker hielt zumindest bis 2015 durch, bevor er aus privaten Gründen seine gesamte Metal(tour)karriere an den Nagel hing. Mit Bassist JB van de Wiel und Gitarrist Mendel bij de Leij und dem neuesten Saitenhexer Ian Jekelis hat Svencho aber das stabilste und wohl auch reifste Line-Up der bisherigen Historie. Diese wiedergewonnene Qualität hört man nicht zuletzt auch auf dem 2014er Werk „The Necrotic Manifesto“, dem vielleicht besten ABORTED-Album, auf dem sich nachhaltige Bangparts, viehische Aggressionen und memorable Melodiestrukturen die Waage halten und Svencho in „Die Verzweiflung“ sogar erstmals auf Deutsch sang: „Es ist natürlich auch für die Fans in den jeweiligen Ländern interessant, wenn man in ihrer Heimatsprache singt. Völlig ausschließen kann ich eigentlich nur Flämisch, meine eigene Sprache. Die klingt nämlich derart dämlich, dass ich das in Worten gar nicht beschreiben kann.“


„Retrogore“ soll nun mit einem Jahr Verspätung ein würdiges Jubiläumsalbum für eine grandiose Karriere darstellen – und geht laut Svencho wieder in eine andere Richtung: „Im Prinzip wird es eine logische Fortführung des von uns bekannten Sounds geben, aber die Dynamik ist stärker. Es gibt zahlreiche dunkle Melodien und technische Parts – wir haben einfach viel mehr Wert auf die Atmosphäre des Albums gelegt. Ich würde sogar behaupten, dass wir etwas Black Metal auf dem Album integriert haben.“ Eine interessante Aussage von jemanden, dessen Band sich mitunter wegen der Abneigung dem Black Metal gegenüber gegründet hat. Wie bereits gewohnt treiben auch zahlreiche Gäste ihr Unwesen auf dem Album. Julien Truchan von BENIGHTED, Travis Ryan von CATTLE DECAPITATION, Jason Keyer von ORIGIN und David Davidson von REVOCATION sorgen zusätzlich für ein Maximum an vertonter Aggression.

Thematisch geht man dieses Mal Richtung kultiger 80er-Jahre-Slasher-Filme, was schon der Albumtitel andeutet. „Das Artwork besteht aus gezeichneten Bildern von uns, wo wir uns selbst in alten Horrorfilmen parodieren. Das möglicherweise dümmste und gleichzeitig genialste Artwork, das wir je erschaffen haben.“ [lacht] Neben den üblichen Songs über Serienkiller und Mordvarianten hat Svencho seinen Fokus einmal mehr gen Politik gelenkt. „Beim derzeit herrschenden politischen Klima und all den Ereignissen mussten wir einfach ein Statement abgeben. Der Song ,Coven Of Ignorance‘ etwa dreht sich darum, wie blind die Leute ihren Schafhirten folgen und wie stark sie zunehmend an eigener Persönlichkeit einbüßen. Menschen sind ja generell dumm und behindert, aber das Internet gibt diesen Idioten auch noch einen Kanal, ihre Stupiditäten zu verbreiten.“

ABORTED hingegen verbreiten noch heute das Gefühl von frischem Death Metal mit Attitüde und überlegter Themenauswahl. Und auch wenn Svencho und Co. längst in der „Familienhalbzeit“ ihres Lebens angekommen sind – es gibt genügend Gründe, um weitere 20 (+1) Jahre durch die Welt zu wüten.

Interviewfotos: Andreas Graf




Robert Fröwein (Froewe)
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