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Der Anfang ist, wie so oft, eher unspektakulär und zufällig: LOU REED und METALLICA sind jeweils zu den Rock and Roll Hall of Fame-Konzerten 2009 in New York eingeladen und spielen zusammen Songs von Reeds früherer Band VELVET UNDERGROUND. Man versteht sich offenbar blendend, denn gleich im Anschluss daran kommt die Idee eines gemeinsamen Albums auf.

Zunächst einigen sich die Beteiligten darauf, gemeinsam ein paar alten Songs von Lou Reed neues Leben einzuhauchen. METALLICA sind zunächst noch mit ausgedehnten Touren zu ihrem letzten Album „Death Magnetic“ beschäftigt, sodass sich die Angelegenheit noch etwas hinzieht.

Kurz vor Beginn der Aufnahmen schlägt Lou jedoch eine Planänderung vor. Inspiriert von Frank Wedekinds [1884-1918] kontroversen Theaterstücken „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ hatte er Texte für eine Theaterproduktion von Robert Wilson verfasst. Die Geschichte vom gesellschaftlichen Auf- und Abstieg des Mädchens Lulu, mit der Wedekind unter anderem die Doppelmoral des wilhelminischen Bürgertums aufs Korn nahm, stellt in Lou Reeds Fassung nun die grundlegende Inspiration und den Leitfaden für das gemeinsame Album dar.

Für lyrischen Zündstoff in Form von Sex, Gewalt, Mord und Wahnsinn ist demnach gesorgt, als es ans Komponieren geht. Von April bis Juni 2011 nehmen LOU REED & METALLICA zusammen mit Hal Willner und Greg Fidelman in den kalifornischen HQ-Studios das über achtzig Minuten lange „Lulu“ auf, welches am 28. Oktober 2011 über Universal Music erscheint und ab sofort in der Szene ebenfalls für Zündstoff sorgt - in der METALNEWS-Redaktion sieht es da nicht anders aus - zu acht haben wir uns „Lulu“ angenommen.



“Lulu“ & die Reaktionen aus der Redaktion


Wie soll man eigentlich mit einem Album wie LOU REED & METALLICAs „Lulu“ fair umgehen? Soll man den Legendenstatus beider Parteien außen vor lassen? Sich allein auf die Musik konzentrieren? Soll man das grauenvoll selbstverliebte Gebrabbel diverser Beteiligter im Vorfeld dieser Veröffentlichung als Maßstab nehmen? Immerhin geht es hier, glaubt man Lars Ulrich, um nicht weniger als die Neuerfindung des Rades.

Und das ist bei Weitem nicht die einzige Steilvorlage, die aus dem gemeinsamen Lager von LOU REED und METALLICA kommt. Fair zu bleiben ist aber nicht nur eine Frage der Willenskraft, sondern auch eine der Erwartungen, die man als Metaller an eine Band wie METALLICA automatisch haben wird. Nachdem „Death Magnetic“, wenngleich keine Offenbarung, zumindest ein Schritt in die richtige Richtung war, machen sich METALLICA in ihrer Kollaboration mit LOU REED zu einer Zielscheibe, die ihrer Größe als Band-Konzern wunderbar entspricht. Denn stünden nicht genau die Namen auf „Lulu“, die nun einmal draufstehen, würden die meisten Hörer von halbgarem Schwachsinn mit mangelhaft ausgeführtem, ambitionierten Textkonzept sprechen, der Scheibe zwei, drei brauchbare Riffs und Melodien bescheinigen und sie nie wieder anhören. Denn genau das ist „Lulu“ geworden. Frank Wedekinds literarische Vorlage in allen Ehren – sie dient hier vor allem einem schräg vor sich hinleiernden LOU REED dazu, den schmierigen Märchenonkel zu spielen, während METALLICA sich im Hintergrund an einem beklagenswert tranigen Aufguss ihrer „Load/Reload“-Phase versuchen – das bisschen uninspirierte Lo-Fi-Aggression in „Pumping Blood“ oder „Mistress Dread“ mal ausgeklammert. Gesanglich hat dabei ganz klar Herr Reed das Sagen – James Hetfield kommt in schon im Eröffnungsstück „Brandenburg Gate“ lediglich als Hintergrundbegleitung zum Zuge und verstummt im weiteren Verlauf des Albums nahezu völlig. Und wer sich den hanebüchenen Schwachsinn anhört, den er in „The View“ von sich gibt, wird das nicht gerade für eine schlechte Idee halten. Aber LOU REED das Feld zu überlassen, ist definitiv auch keine gute Entscheidung – wie der Mann über fast die gesamte Albenlänge daran scheitert, Johnny Cash und Nick Cave gleichzeitig nachzuäffen, ist teilweise genauso peinlich, wie mit anzusehen, wie sich jemand in der Öffentlichkeit in die Hose pisst.

Was LOU REED & METALLICA hier versucht haben? Nun, versucht haben sie sich vielleicht an einem ausgefallenen Rockalbum, das eine düstere Geschichte voll sexueller Spannung erzählt. Gelungen ist ihnen eine überlange Kollage größtenteils langweiliger Zumutungen, die auf musikalischer Ebene teilweise so schlampig zusammengeschustert ist, dass man sich fragen darf, ob die Beteiligten sie überhaupt je am Stück gehört haben. Aber man soll ja nicht unnötig gemein sein. So gibt es durchaus positive Aspekte an „Lulu“! Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass hier tatsächlich METALLICA am Werk sind, hat dieses Album das Zeug dazu, eine zersplitterte Szene zu vereinen. Und zwar dazu, dieser Band ein für allem mal den Vogel zu zeigen, statt ihnen jeden Scheißdreck abzukaufen!
grim_rieper | 0,5 von 7

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Kollege Riepenhusen fragt im Anfang seiner Abhandlung von „Lulu“, wie man mit selbigem fair umgehen solle. Der meiner Meinung nach richtige Ansatz ist es, das Ganze einfach als zu betrachten, was es ist. Als ein Experiment.

Nach den ersten Auszügen auf diversen großen Shopping- und Video-Plattformen waren die Erwartungen an dieses von Beginn an kontrovers diskutierte werdende Stück Musikgeschichte bei den meisten wohl bereits gen Null gesunken. Und tatsächlich wirkte dieser erste Höreindruck in Form von „Brandenburg Gate“ sehr... eigen. In seiner Gesamtheit aber zeigt sich „Lulu“ als eine Einheit. Eine sehr verdrogte, verspulte, verstörende allerdings. Dissonanz, kaum klare Strukturen, das ständige, beinahe fragile Gebrabbel LOU REEDs, Reminiszenzen an die „Load/Reload“-Ära, sludgige Einflüsse und ein gewisses Südstaaten-Flair. Ja, bei „Mistress Dead“ kann man vermutlich gar das beste Speed-Riffing hören, das TALLICA in den letzten zehn Jahren abgeliefert haben. Insgesamt hört sich „Lulu“ aber stark danach an, als wäre es in der gleichen Sumpfhütte entstanden wie „Down II“ seinerzeit, als sich Anselmo und Co. wochenlang nur mit Drogen und Pornos einschlossen, um ihr zweites Werk einzukoksen. Allerdings noch eine ganze Kante psychedelischer. Und zugegeben, was uns Lou mit seinen oftmals von Hündchen oder auch mal Spermalosen Mädels handelden Geschichten sagen will, bleibt auch mir verschlossen. Aber ist das wichtig? Mit der oben beschriebenen Melange ruft „Lulu“ kranke, in Sepia getauchte Klangbilder vor das geiste Auge, die dank des erwähnten Südstaaten-Einschlages auch aus Jim Jarmuschs Meisterwerk „Dead Man“ stammen könnten. Einzig und allein Hetfields weiterhin weniger glückliche Versuche, zu singen, liefern hier echte Angriffspunkte.

Fest steht, „Lulu“ verlangt dem Hörer einiges ab. Fest steht auch, dass „Lulu“ die Geister scheiden wird. Und um das Phrasenschwein zu füttern: lässt man sich darauf ein, bietet „Lulu“ ein Erlebnis, wenn auch ein schwer verdauliches. „Lulu“ ist KEIN Album der vergötterten und auch oftmals zur Zielscheibe umfunktionierten Band METALLICA. Ich würde sogar behaupten, „Lulu“ ist gar kein Album, sondern ein Soundtrack zu einer noch nicht verfilmten Geschichte. Vor allem aber ist es ein Experiment, das nicht jeden ohne die Hinzunahme bewusstseinserweiternder Substanzen ansprechen wird. Und da derartige Geschichten zu 100% absolute Empfindungs- und Wahrnehmungssache sind, fällt in diesem Moment, bis auf die Feststellung des „Aggregatzustandes“ dieser Veröffentlichung, jegliche Objektivität von mir ab. Das hier ist nicht schlecht, es ist eigen und nicht jedem zugänglich. Ich persönlich habe einen gewissen Weg dazu gefunden - und jetzt seid ihr dran.
shilrak | 4,5 von 7

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Es ist definitiv mal was Anderes, anstelle der üblichen Gesangsart, das kraftausdrucksstarke Gefasel eines, wüsste man es nicht besser, besoffenen Rednecks zu lauer Gitarrenbegleitung zu hören.  Es ist im ersten Moment überaus erfrischend und wäre zwischendurch, für ein einziges Stück auf einem ausgewogenen Langspieler, auch eine nette Idee, klingt ein ganzes Album lang aber einfach nur grausam und wird bei solch einer Einseitigkeit schnell langweilig.
Asmo | 1,5 von 7

Zu hören: Gitarren, die entfernt nach METALLICA klingen und LOU REEDs plus James Hetfields Stimme. Die Musik im Hintergrund wirkt wie eine banale Begleitung zu den Texten. Viele Arrangements sind schlecht gewählt und passen NICHT zu den Lyrics. Lous Stimme ist über weite Teile unerträglich und gesprochen vorgetragen. Im Endeffekt denke ich, dass sich weder LOU REED noch METALLICA damit einen gefallen getan haben. Sehr mutig.
Saschisch | 1,5 von 7

Die Songs sind nicht gerade das Beste, was man je hören konnte – weder von Reed, noch von METALLICA - aber die allgegenwärtige Schwarzmalerei haben sie dennoch einfach nicht verdient. Gewöhnungsbedürftig? Ja! Avantgardistisch und unzugänglich? Ja! Abgrundtief schlecht? Definitiv nicht! Es gibt vielleicht keine Geniestreiche am laufenden Band, aber „Lulu“ hat seine guten Momente, die man nicht wegdiskutieren kann.
kaamos | 3,5 von 7

Was tun, wenn man auf den Big-4-Tourneen zu viel Thrash abbekommen hat? Lou Reed anrufen, Dope rauchen und das Experiment seines Lebens wagen: Eine andersartige, anstrengende und sperrige Scheibe komponieren und sich dabei künstlerisch verausgaben. "Lulu" ist interessant, sogar charismatisch. Tom Waits, sumpfige, psychedelische Soli, trockene Monotonie im Doombereich inkl. ermüdendes Geschwafel eines alternden Rockers. Dennoch, es hat was. Leider fehlt unterm Strich der nötige kreative Aspekt, um mehr aus der nicht ungelungenen Idee werden zu lassen.
shub | 4,5 von 7

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Nach einem Live-Clip eines Songs von „Lulu“ fürchtete ich mich schon vor der Studioversion. Ich habe es nicht sehr oft gehört, aber nach dem ersten Mal wollte ich gar nicht mehr hören. METALLICA waren eine großartige Band und haben lange gekämpft, um nach einigen weniger guten Alben wieder in die Spur zu kommen. Aber das hier ist sicher nicht der richtige Weg. Sie mögen an diesem Album Spaß haben, ich aber nicht. Ich bezweifle, dass es vielen ihrer Fans anders geht. METALLICA waren meiner Meinung nach nie gut darin, rockige Songs zu schreiben - warum also ein Album voller austauschbarer Rocksongs mit Lou‘s Vocals darüber? Diese beiden Stile gemischt sind schon Grund genug, die Scheibe abzuschalten. Mit 1 von 7 Punkten bin ich noch nett.
Pepe Hansen, HATESPHERE | 1 von 7 Punkten

JOHNNY CASH? DANZIG? Stoner Rock? Blues? Gothic? Nein, es sind LOU REED und METALLICA. Alle vorangegangenen Fragezeichen lassen die Alarmglocken schrillen, in positiver Hinsicht allerdings. Ich liebe den Sound des Albums. Für mich überbietet er jenen von „Death Magnetic“. Musikalisch ist es eine neue Band, was die Vergleiche mit früheren METALLICA-Werken unnötig macht. Die Texte sind tiefgründig - ich meine, wie oft hört man heutzutage noch solch aufrichtig künstlerische und düstere Texte? Lars‘ Drum-Performance ist punktgenau und hat einen gewissen Jam-Charakter. Man kann hören, dass METALLICA eine Abwechslung brauchten und haben sie hier gefunden. Ebenso hört man die Ehrlichkeit und den Spaß an der Sache. Mir gefällt „Lulu“ sehr!
Ashmedi, MELECHESH | 5 von 7 Punkten
Kommentare
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