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Nightwish – Floor, Marco

„Endless Forms Most Beautiful”, so lautet der Titel des neuen NIGHTWISH-Albums. Einige Mitglieder der Band machten während der dafür angesetzten Promo-Tour Halt in Donzdorf bei Nuclear Blast, dem Label der Finnen. Wir nutzten die Gelegenheit, vor Ort ein Interview mit Bassist Marco Hietala und Frontfrau Floor Jansen zu führen. Nur Minuten, nachdem unser Redakteur Fränky sich das neue Album in voller Länge anhören durfte, setzten sich die drei für ein kurzes Gespräch zusammen.

Zunächst einmal, ich durfte gerade das neue Album hören. Es schien mir sehr vielseitig und mit vielen Einflüssen versehen, die man noch nicht unbedingt bei NIGHTWISH gehört hat.

Marco: Da hast du Recht, es ist eine Menge drin in diesem Album.

Insbesondere der letzte Song „The Greatest Show On Earth“ hat es ja in sich. Er ist extrem lang, hat eher dunkle, mystische Fantasy Einflüsse und könnte, sofern ich den Song öfter hören würde, sogar einer meiner NIGHTWISH Lieblingssongs werden.

Floor: Dabei hat der Song thematisch gar nichts mit Fantasy zu tun, gleichwohl er dennoch phantastisch ist. Aber eben kein Fantasy. Er birgt viele Emotionen in sich, das ist auch der Grund, warum er so lang geworden ist.

Irgendwie habe ich den Eindruck, das Album klingt für eure Verhältnisse sehr…düster?

Marco: Viele Sachen sind in Moll geschrieben, ebenso sind viele Themen auf dem Album ziemlich düster. Dennoch haben alle Beteiligten, egal welches Instrument sie spielen, enorm positive Vibes zu den Aufnahmen beigesteuert.

Ein weiterer Aspekt, der mir nach dem ersten Hörgenuss einfällt, ist der höhere Anteil an folkloristischen Einflüssen. Kann man es so sehen? Liegt es vielleicht daran, dass Troy Donockley [Flöten, Dudelsack etc.] nun seit einiger Zeit festes Bandmitglied ist?

Marco: Er ist so etwas wie ein absolut positiver „Madman“. Es tut gut, ihn um sich zu haben. Wir haben auch irgendwie denselben Humor, haha. Er hat ja bereits auf den letzten Alben gespielt, ebenso auf den Tourneen. Also haben wir ihn irgendwann gefragt, ob er nicht festes Bandmitglied werden möchte. Er hat außerdem eine Menge Vocals beigesteuert, zudem spielt er diese „Bad-Ass“-Bouzouki.

Vor einem Jahr etwa saß ich hier mit Tuomas Holopainen zusammen und sprach mit ihm über sein Soloalbum „The Life and Times of Scrooge McDuck“. Dabei erwähnte er bereits, dass 2014 das Jahr werden sollte, in dem ihr an neuen NIGHTWISH-Songs arbeiten würdet. Das habt ihr ja nun auch getan. An dieser Stelle die Frage, habt ihr, im Vergleich zu den Arbeiten an vorigen Alben, etwas anders gemacht als sonst?

Marco: Wir haben jetzt Floor! Hahaha…

Irgendwie habe ich diese Antwort erwartet, haha. Also mal nachgehakt, wie würdest du aus deiner Sicht die speziellen Trademarks dieses neuen Albums beschreiben?

Marco: Nun, in Bezug auf die Gesangslinien von Floor ist natürlich alles neu. Ansonsten glaube ich nicht, dass wir den Prozess des Songwritings anders gestaltet haben als sonst. Tuomas hat die meiste Musik und Lyrics geschrieben, meine eigenen Demos ergänzen die Sache dann so, dass sich alles zu einem NIGHTWISH –Album fügt. Aber ein paar kleine Dinge gibt es schon zu erzählen. Im Prinzip lief alles genauso ab wie sonst, bis wir die Songs im Rohbau fertig hatten und dann in den Proberaum gingen, um alles zusammen zufügen. Der Unterschied war diesmal, dass wir zu den Proben alle, auch Floor, von Anfang an dabei waren, die ganze Band. Dadurch gestaltete sich die Arbeit als sehr relaxt, sehr open-minded. Es war somit viel einfacher, die ganzen Fragmente zu einem kompakten Song zusammen zu setzen.

Ich habe bereits einen der Trailer gesehen, der euch bei den Proben und Aufnahmen zeigt. Ich dachte dabei an die Umgebung. Die Natur in Finnland, die ländliche Abgeschiedenheit. Floor, das waren deine ersten Aufnahmen mit NIGHTWISH. Dort draußen, irgendwo in der Mitte von Nirgendwo. Wie würdest du deine ersten Eindrücke von dort beschreiben?

Floor: Das war wie ein Sommercamp. Ich bekam gleich den Schlüssel von meinem eigenen Haus, etwa eine Stunde vom Nirgendwo entfernt. Meine ersten Finnlanderfahrungen? Das war der wärmste Sommer dort seit über einhundert Jahren, das Wetter war schon extrem. Ich liebe einfach die Abgeschiedenheit und die Ruhe der Natur, daher finde ich das alles besser als ein Studio mitten in einer Stadt. Das gemeinsame Arbeiten an den Songs beschreibe ich als sehr inspirierend. Wir hingen gemeinsam ab, rannten durch die Wälder, waren schwimmen, haben gemeinsam gekocht und so weiter. Das war gut für das gesamte Bandgefüge. Ich habe es aber genau so genossen, mein eigenes Cottage zu haben, wo ich mich dann allein zurück ziehen konnte. Nur ich und abertausende Moskitos, hahaha.

Von dir ist zu lesen, dass du die Natur liebst, ebenso wie gutes Essen und guten Whisky. Wie wichtig ist es für dich, die Balance zwischen dem hektischen Musikbusiness mit den Tourneen, Plattenaufnahmen, Promotion und so weiter und dem Privatleben zu finden?

Floor: Das gilt eigentlich für jedermann, würde ich sagen. Ich habe vor ein paar Jahren mal einen Song „Wolf and Dark“ darüber geschrieben. „Wolf“ steht für das Musikerleben und „Dark“ für das Privatleben. Ich könnte weder ohne das eine noch ohne das andere leben. Ich glaube, es ist egal, ob du dreißig, vierzig oder fünfzig bist. Diese Balance ist sehr wichtig. Aber du kannst kein ausgeglichener Musiker sein, wenn du prinzipiell kein ausgeglichenes Leben hast.

Zurück zum Album. Darauf befindet sich der Song „The Greatest Show On Earth“. Wenn ihr so zurückdenkt, welche der Shows, die ihr selbst gespielt habt, hat euch am meisten beeindruckt? Gibt es überhaupt noch Orte, an denen ihr unbedingt noch spielen wollt?

Marco: Sicher gibt es da noch Orte. Ich persönlich denke, die Wacken-Show, wo wir die letzte DVD aufgenommen haben, war sehr beeindruckend. Ein finnischer Musiker streckt die Faust in die Luft und es kommt achtzigtausendfach zurück, das hat was.

Es gibt einen speziellen Gast auf dem Album, und zwar Mr. Richard Dawkins. Was hat es damit auf sich?

Marco: Die Story hinter dem Song „The Greatest Show On Earth“ basiert auf einem Buch mit dem gleichnamigen Titel vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Ich glaube, es war Troy, der ihm einen Brief schrieb und ihn bat, ein paar Worte auf diesem Album zu sprechen.

Floor: Er macht solche Dinge normalerweise nicht, also war es eine absolut große Ehre für uns.

Marco, wenn man deinen bisherigen musikalischen Weg betrachtet, dann versteht man den Heavy Metal in seiner ganzen Vielfalt, wie er wirklich ist. Das hilft zu verstehen, dass Metal viel mehr ist als nur Krachmusik, Jazz- und Blueseinflüsse beispielsweise. Erzähl uns doch etwas über deine Einflüsse.

Marco: Ja, der Heavy Metal selbst ist nicht einfach nur Heavy Metal. Nimm die alten BLACK SABBATH-Sachen, da ist so viel Blues drin. Oder nimm die RAINBOW-Songs aus den Siebzigern wie zum Beispiel „Stargazer“ oder „Gates Of Babylon“, das waren die Ursprünge des Symphonic-Metals, wie man ihn heute kennt. Wenn du aber immer nur deinen eigenen Einflüssen folgst, bleibst du irgendwann stehen. Es ist also besser, offen für andere Einflüsse zu sein. Wenn du dir -zig verschiedene Sachen anhörst, hat es möglicherweise einen entscheidenden Effekt auf deinen eigenen Sound.

Ich wurde kürzlich gefragt, ob es in Zukunft irgendwelche Sachen mit TAROT geplant sind?

Marco: Hach ja. Wir sollten eigentlich ins Studio gehen, als die letzte NIGHTWISH-Tour zu Ende war. Aber Jan war viel mit seiner anderen Band beschäftigt, die anderen Jungs hatten auch viel zu tun, so wurde es also nichts. Wir haben ein paar Songs für ein Demo aufgenommen, einen ganzen Haufen Melodien, Riffs und Lyrics. Aber wir hatten noch nicht die Chance, alles zu vollenden. Ich bilde mir ein, dass wir es nach der folgenden NIGHTWISH-Tour fertig bekommen.

Mal wieder zurück zum Album „Endless Forms Most Beautiful“ und damit zum Gesang. Ich hatte bei NIGHTWISH oft das Gefühl, auf der einen Seite die Band zu haben, auf der anderen Seite die Sängerin. Diesmal klingt alles nach einer Einheit, gerade wenn ihr zusammen singt, passt es besser denn je. So zumindest meine Meinung nach dem ersten Durchlauf.

Marco: Wir sind beide ziemlich ruhelos, was das angeht. Und haben solange hart gearbeitet, bis es alles schön zusammen passte.

Floor: Da kann ich mich nur anschließen. Da war von Beginn an das Gefühl, dass die Chemie stimmte. Es funktionierte alles und je mehr wir an den Songs geprobt haben, umso stärker wurden sie.

Marco: Wie du ja eben gehört hast, ist das Album sehr vielseitig. Wir haben während der ganzen Proben immer wieder an den Vocals, gerade bei „Weak Fantasy“ oder dem Titelsong gefeilt, viele Dinge ausprobiert. Mal singt Floor hier eine Oktave anders oder ich dort eine Harmonie. Das Resultat kann man dann eben auf dem Album hören.

Ich komme dann schon zur letzten Frage. Wie geht es eurem Drummer Jukka? Geht es ihm mittlerweile besser?

Marco: Wie ich letztens gehört habe, geht es ihm wohl besser. Wir haben lange mit ihm gesprochen und uns dann entschlossen, ihn gehen zu lassen. Er leidet an Schlaflosigkeit, was in dem ganzen Chaos der Musikbranche gar nicht so ungewöhnlich ist. Er war total enthusiastisch, als es an die Proben für das neue Album ging. Er packte seine Drums ins Auto und war mit dem Herzen dabei. Doch nach einer Woche im Proberaum ging es ihm überhaupt nicht gut. Er machte einen erschöpften Eindruck und seine Konzentration ließ nach, genauso wie es schon zum Ende der letzten Tour war. Er konnte so nicht weiter machen, immerhin hat er eine Familie mit Kindern zu Hause. Letztendlich hat er die Entscheidung getroffen, aufzuhören. Aber so ganz wollen wir ihn nicht ziehen lassen. Er hat sich immer um viele Dinge gekümmert und wir boten ihm an, dass er so etwas wie der CEO in unserer Firma wird. Er gehört nach wie vor zum inneren Kreis dieser Band.

Ich bedanke mich bei euch für das Interview. Die letzten Worte gehören traditionell den Musikern.

Marco: Die Leser, die Hörer, die Fans eben. Sie sind der Grund, warum wir diese Art von Musik machen können, dass wir uns nicht dem Mainstream hingeben müssen. Ihr habt meinen größten Respekt, danke dafür.

Floor: Ich hoffe, dass dieses Album die Fans auf die nächste NIGHTWISH-Reise mitnehmen kann. Vor allem dieser vierundzwanzig-Minuten Song. Gebt dem Song seine Zeit, setzt die Kopfhörer auf und nehmt euch ein Glas mit was auch immer drin.

Marco: Oder hört es gemeinsam mit ein paar guten Freunden. So wie man mit guten Freunden ins Kino geht, so kann man auch eine richtig gute Platte zusammen genießen.

Floor: Exakt. Gerade die Eltern sollten ihren Kids lehren, wie man richtig Musik hört. Setzt euch mit den Kindern zusammen und fühlt das, was Musik einfach ausmacht. Nehmt euch die Zeit für diesen langen Song, anstatt nur ein paar Snippets auf euer Smartphone zu laden.

Fränky / 08.04.2015

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